LIESBORN - Wer vor diesen Behördenschreibtisch treten muss, hat echt schlechte Karten. Der Stuhl für den Bittsteller ist ganz in die Ecke gedrückt, die Sitzfläche befindet sich fast auf Fußbodenhöhe. Davor ragt der wuchtige Schreibtisch auf wie eine Trutzburg. Dafür, dass sie auch weiterhin uneinnehmbar bleibt, sorgen die unzählige dicken Kladden, die auf der Schreibfläche und den Regalen verteilt sind.
„Spitzfindigkeiten“ steht darauf zum Beispiel in dicken Lettern, „Irreführungen“ oder „Kryptische Paragraphen“. Nur wer ganz genau hinschaut, entdeckt ein Buch, das so gar nicht ins Ensemble passen will. „Popo-Sex“ steht auf dem Band, ohne Zweifel ein Porno, und im Inneren geht es offenbar noch heftiger weiter, wie der Hinweis „mit Papi“ verrät.
Aus nicht weniger als 224 Einzelteilen besteht die wuchtige, überwiegend aus Holz gefertigte Installation von Iven Einszehn. Der Hamburger Künstler hat einen ganzen Tag gebraucht, um die bewusst anachronistisch anmutende, mit bösem Witz gestaltete Schreibtischlandschaft aufzubauen. Danach sei er völlig erschöpft gewesen, berichtet Kuratorin Dr. Ellen Markgraf. Wenn man das überbordende, ungeheuer detailreiche Werk betrachtet, glaubt man das sofort.
Das schlicht „Behördenschreibtisch mit umfangreichem Zubehör“ betitelte Werk gehört zu den interessantesten Exponaten der Ausstellung „Aus dem Leben der Tische ...“, die ab morgen in Museum Abtei Liesborn zu sehen ist. Es ist bereits die vierte Ausstellung im Rahmen des von Ellen Markgraf entwickelten Projektes „Tisch — Da — Sein“.
Am Anfang stand eine Ausschreibung aus dem Jahr 2010, bei der Künstler aufgefordert waren, sich mit dem Thema Tisch auseinander zu setzen. Das künstlerische Medium war ihnen dabei völlig freigestellt. Rund 180 Künstler beteiligten sich, von denen die Jury 80 auswählte. Für eine einzelne Ausstellung ist das freilich zu viel. Die Liesborner Ausstellung ist nach insgesamt drei Präsentationen in der Evangelischen Stadtkirche Unna und der Städtische Galerie „Sohle 1“ in Bergkamen deshalb die vierte Schau, bei der jeweils eine andere Auswahl der von der Jury ausgewählten Werke gezeigt wird. Jede Präsentation kann so eigene Schwerpunkte setzen. „Es ist keine Wanderausstellung“, betont Markgraf.
In Liesborn sind 23 verschiedene Positionen zu sehen, wobei zwei Künstler - Michael Grossmann und Erika Bialowons — als Gäste teilnehmen und nicht dem eigentlich „Pool“ angehören.
Der Behördenschreibtisch von Iven Einszehn stellt als „öffentlicher“ Tisch eine von wenigen Ausnahme dar, handelt es sich bei den meisten Ess-, Küchen-, Wohnzimmer- und Beistelltischen, die auf Fotografien, Gemälden, im Video oder als ganz konkrete Objekte zu sehen sind, doch um Möbel aus dem privaten Raum. Tische sind die Orte, an denen sich das sozialen Leben konzentriert.
Sichtbar wird das zum Beispiel in der Arbeit der in St. Petersburg geborenen Künstlerin Natalia Medebach, die zwei zusammengestellte Tische mit einer Decke verziert hat, auf die zahlreiche Familienfotos gedruckt sind. Dass jede Idylle ihre Brüche, jedes scheinbar noch so intakte Familienleben seine Verwerfungen hat, darauf verweist (in künstlerischer Hinsicht vielleicht etwas sehr schlicht) der Höhenunterschied der beiden Tische, der dazu führt, dass „Brüche“ direkt durch einzelne Bilder gehen.
Wie Geister wirken die um einen Kaffeetisch Versammelten, die Matthias Langer mit Langzeitbelichtung aufgenommen hat. Vielleicht leben die Mitglieder dieser Runde gar nicht mehr. Massiv und wie für die Ewigkeit geschaffen wirken dagegen die klar konturierten Möbel im berüchtigten Gelsenkirchener Barock.
Noch viel beklemmender ist die Leere, die viele Tische zum Symbol nicht des sozialen Miteinanders, sondern der Vereinsamung macht. Dafür stehen zum Beispiel die beiden stillen, fast meditativen Gemälde der in Lippstadt lebenden Koreanerin Jae-Eun Jung. Ein Bild zeigt einen leeren Sessel. Auf dem Tisch davor finden sich ein einsames Glas, eine Fernbedienung und ein Miniaturweihnachtsbaum. Wer hier lebt, hatte schon lange keinen Besuch mehr.
Viele Arbeiten sind naturgemäß sehr statisch. Doch das muss nicht so sein. Was ist ein Bauchladen anderes als ein Tisch in Bewegung? Zur Eröffnung verkauft Marion Tischler mit ihrem mobilen Kunstkiosk „Kunst-Snacks“. Und wer will, kann auch selbst aktiv werden. Auf einem Tisch, den die Künstlerin Benita Joswig signiert hat, können Besucher ihre ganz eigenen „Tischgeschichten“ aufschreiben. - bal