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KULTUR
„Sex and Crime“ im Tierreich

Von Judith Wedderwille

Lippstadt - Pinguine, die sich für eine Handvoll Steine prostituieren, nekrophile Stockenten-Erpel und Pandas, die lieber fressen, als sich sexuell auszutoben - in der Tierwelt ist die Hölle los. Jedenfalls liegt dieser Gedanke nahe, wenn man sich Michael Mierschs und Claudia Bernhardts Buch „Zwischen Tieren - Von flirtenden Fischen, lüsternen Lurchen und verliebten Vögeln“ zu Gemüte führt. Danach sieht wohl so mancher die Welt mit anderen Augen - und das Haustier und den eigenen Partner vielleicht auch.

Ursprünglich als zehnteilige Kolumne mit ebenso vielen Tieren für die Zeitung „Welt am Sonntag“ vorgesehen, wurde aus den Geschichten über das bizarre Liebesleben ausgewählter Tiere schnell eine 59-teilige Reihe, die nun als Buch erhältlich ist. Der Publizist und Dokumentarfilmer Michael Miersch verlieh dem Buch seinen findigen, faktenreichen Federstrich und die aus Lippstadt stammende Illustratorin Claudia Bernhardt lieferte die neckischen Charakter-Designs, die weder anzüglich, sexistisch oder schweinisch sind. Nein, in vielen Fällen einfach nur „shiny“, wie Bernhardt selbst ihr Seepferdchen beschreibt. Beide gaben „Zwischen Tieren“ im Selbstverlag heraus, in Kooperation mit Bernhardts Label „istprodukt“.

Auch wenn das Cover auf den ersten Blick aussieht wie ein Kinderbuch, ist es doch eher für die Generation 17-plus geschrieben. Schließlich geht es nicht nur um „Bienchen und Blumen“, sondern auch um Vergewaltigungstaktiken, die beispielsweise von Stockenten praktiziert werden oder auch vom ach so harmlos aussehenden „Flipper“. Der Große Tümmerl - von den meisten Menschen einfach „Delfin“ genannt - beißt, rammt und wirft mit seinen Freunden seine kleineren Verwandten, die Schweinswale, in die Luft und schubst sie rum, bis diese tot sind. Einfach so zum Zeitvertreib. Zudem ist sexuelle Gewalt bei dem Großen Tümmler, wie es im Buch heißt, an der Tagesordnung. „Vor der Küste West-Australiens beobachteten Forscher immer wieder brutale Gruppenvergewaltigungen, bei denen männliche Gangs einzelne Weibchen umzingelten und an der Flucht hinderten. Sind keine Weibchen verfügbar, stürzen sich die Männchen auch auf andere Lebewesen, um sie zur Triebbefriedigung zu missbrauchen.“ Niedlich ist dieses Verhalten wirklich nicht. So sieht Bernhardts Delfin-Charakter auch entsprechend aus, verschmitzt grinsend jagt er hinter einer Delfindame her.

Aber nicht nur Sex und Gewalt gibt es im Tierreich. Nein, auch Monogamie und lebenslange Treue, wie bei den Albatrossen oder den Präriewühlmäusen, die sich bei jeder Gelegenheit liebkosen und miteinander kuscheln.

Ganz weit vorne beim Gender-Diskurs spielt ebenfalls ein Tier mit: das Seepferdchen. Die Gender-Theoretikerin Judith Butler hätte wohl ihre wahre Freude an diesen Tieren, denn bei den Seepferdchen legt das Weibchen die Eier in die Bauchtasche des Männchens, das den Nachwuchs austrägt, ihn mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt und unter wehenartigen Krämpfen ans Licht der Welt befördert.

Wie früher im Kindergarten geht es hingegen bei den Nashörnern zu: Sie rempeln sich an, schieben und stoßen sich. Da hat man doch gleich die Worte der Mutter im Ohr, die einem erklärt, dass der Nachbarsjunge mit seinen Gemeinheiten nur zeigen will, dass er einen mag. Bei den Dickhäutern ist dies tatsächlich der Fall, nur dass sie sich auch mit „dem Horn attackieren. Dabei schnaufen und prusten sie und geben hohe Quietschtöne von sich, die gar nicht zu ihrer massigen Gestalt passen“.

„Zwischen Tieren“ lässt sich super zwischendurch lesen, regt durch die vielen Parallelen zum menschlichen Liebesverhalten zum Nachdenken an und glänzt mit den pfiffigen Illustrationen, die sich auch gut auf T-Shirts oder Buttons machen würden. Kein Wunder eigentlich, schließlich hat Claudia Bernhardt ihr Label „istprodukt“ gegründet, nachdem ihr auf einer Comic-Messe ihre selbstgestalteten Buttons förmlich aus den Händen gerissen wurden.

03.08.2012 18:53
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