Handwerk

„Als das Leder knapp war, wollten die Leute Stiefel“

Lippstadt - Schuhmacher. So lautet heute die offizielle Berufsbezeichnung. Doch am Anfang war der Schuster. Der Name stammt ursprünglich aus dem Lateinischen. Über das Althochdeutsche wurde er in den späteren Sprachgebrauch eingeschleust. Aber ob Schuhmacher oder Schuster, das ficht Ewald Falkenstein nicht an. Er ist Meister seines Fachs. Zweier Fächer sogar.

Das erste hat er beim Vater erlernt: das des Herstellers lederner Fußbekleidung. Dieses Handwerk hatte sich erst (oder schon?) im 5. vorchristlichen Jahrhundert von seinem Stamm abgezweigt, dem Beruf des Gerbers.

Ewald Falkensteins Vater machte schon mit 21 Jahren seinen Meister und eröffnete gleich nach dem Krieg seine Werkstatt in Lippstadts Klosterstraße. Eine schwierige, aber doch auch ersprießliche Zeit, wie der Sohn noch vom Hörensagen weiß. Der Vater habe „Tag und Nacht“ gearbeitet. Gemäß der Zeit waren das natürlich überwiegend Reparaturen. Dennoch habe es auch Wünsche nach Neuanfertigung gegeben. „Und ausgerechnet in diesen Jahren, als das Leder knapp war, wollten viele Leute kniehohe Stiefel,“ sagt der heutige Senior.

Er selbst, nachdem er die Lehre beim Vater mit Auszeichnung beendet hat, will sich mit dem herkömmlichen Schuhmacherberuf allein nicht begnügen. Er sieht ja, dass es mit dem Reparieren auf Dauer nicht reichen würde. In einer Zeit, da sich eine Wegwerfgesellschaft bildet. Und Schuhe vorwiegend industriell gefertigt werden. Aber Maßschuhe? „Sicher“, so die Antwort, „die ließen sich aber nur einige wenige machen.“ Solche, die gut betucht waren und dementsprechend „versohlt“ sein wollten.

Also steht Ewald Falkensteins Entschluss fest: Orthopädieschuhmacher. Er geht in eine zweite Lehre, diesmal beim Meister Josef Thiele in Lippstadt. Schon nach einem Gesellenjahr kann er, wegen ausgezeichneter Leistung in der Lehrabschlussprüfung, die Meisterprüfung ablegen und - so nebenbei - auch noch im klassischen Schuhmacherhandwerk.

Im Jahre 1971 tritt er ins Geschäft des Vaters ein. Als dieser sich 1977 zurückzieht, ist er der Alleinverantwortliche. Bei dem nun die Herstellung orthopädischer Maßschuhe den Löwenanteil an der Arbeit ausmacht.

Der Bereich Fußorthopädie ist breit gefächert. Messen, anpassen, fertigen. Und die vielen medizinisch begründeten Zurichtungen, vor allem Fußbettungen, wie der Fachmann die Einlagen nennt. Insoweit ist der orthopädische Schuhmacher ein wichtiger Partner des Arztes.

Hätte sich Ewald Falkenstein nicht auf die Orthopädie ausgerichtet, dann wäre er wohl schon lange nicht mehr im Geschäft. Denn allein von der „Schusterei“ hätte er schwerlich leben können und wollen. Er verweist auf interessante Zahlen. Zur Zeit seiner Lehre seien in der Lippstädter Kernstadt 20 Schuhmachermeister tätig gewesen. Heute nur noch zwei. Und beide mit dem Zusatz „Orthopädie“.

Im Gespräch erinnert Ewald Falkenstein an einen seiner ersten orthopädischen Kunden. Es sei der langjährige Vorsitzende der hiesigen jüdischen Kultusgemeinde gewesen, Fritz Goldstein. Im Laufe der Jahre habe er von ihm einiges über jüdische Kultur und Lebensart erfahren.

Der nunmehr 63-jährige Meister hat vor drei Jahren den Betrieb abgegeben - an seinen Sohn und Meister Carsten. Er selbst, so hört es sich an, „kocht aber noch auf kleiner Flamme mit.“ Ebenfalls noch mit im Betrieb ist Ehefrau Elisabeth, zuständig für alles Bürokratische. Sohn Carsten hat übrigens noch eine besondere Qualifikation erworben - die „Orthopädische Versorgung des diabetischen und rheumatischen Fußes“. Das macht deutlich, welchen Wandel der Beruf des Schuhmachers vollzogen hat.

Wer wollte da denn noch an den Flickschuster denken? Den gab und gibt es auch. Als artverwandten Beruf. - Willi Kröger

28.05.2010 18:50
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