Handwerk

Auch Goethes Christiane war eine Putzmacherin

LIPPSTADT - Putzmacherin? Ja, so hießen sie einmal. Die Damen mit dem kreativen Händchen, die ihren Geschlechtsgenossinnen die bloßen Häupter krönten. Auf ganz bürgerliche Art und Weise. Für jeden Anlass, für jede Jahreszeit. Und was kaum einer weiß: Die wohl prominenteste Vertreterin dieser Zunft war Christiane Vulpius, Goethes spätere Ehefrau.

Sabine Hassemer hat das Handwerk der Putzmacherin von 1952 bis 1955 erlernt. In Salzkotten. Nach einem vorherigen Versuch als Schneiderin. „Zur Mode hatte es mich schon als Kind hingezogen. Doch nach ersten Nähübungen riet mir meine Mutter zum Wechsel. Als Putzmacherin könne ich schon in einem Tag die Früchte meiner Arbeit ernten.“ Klar - und außerdem: Nicht nur Kleider, auch Hüte machen Leute. Das galt jedenfalls über eine sehr lange Zeit. Heute scheint es eher vergessen.

Sabine Hassemer hat während ihrer Lehrzeit und der späteren Tätigkeit als Gesellin in Paderborn die ganze Palette ihres Handwerks kennen gelernt. Als Hüte noch unverzichtbar waren. Vorwiegend aus Filz geformt. Und per Hand. Mit Hilfe von Modellen, auf denen sie gebügelt oder - später - gedämpft wurden. Erst dann konnten sie der entsprechenden Kopfform angepasst werden. Jahre danach, so Sabine Hassemer, habe sich das Angebot beträchtlich erweitert, auf Pelzkappen etwa und Stoffhüte.

Ein ständiger Wechsel - wie in so vielen Handwerksberufen. Was sich dann in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts auch in der Bezeichnung niederschlug. Putzmacherin - das stand für Herausputzen. Wozu auch die Verzierung von Kleidern gehörte. Doch das „Putzwort“ war wohl den Branchenoberen zu nahe bei der Raumpflegerin. Mutmaßt jedenfalls Sabine Hassemer. Weshalb man schließlich die Modistin „kreiert“ habe.

Interessantes wie Amüsantes weiß die Meisterin - den Titel hat sie seit 1961 - aus ihrer Lehr- und Wanderzeit zu erzählen. So habe bei den Püttmanns in Paderborn um Ostern herum immer Hochkonjunktur geherrscht. Karfreitag war strammer Arbeitstag. Damit die - nicht nur feinen - Damen erhobenen, aber auch festlich geschmückten Hauptes zur Messe im Dom gehen konnten. Während sie, die „Mädchen“ der Firma, zur gleichen Zeit in der Stadt Schaulaufen mussten - gut gekleidet und vor allem behütet. Alles zum Wohle des Geschäfts.

Ihr Berufsweg führt die junge Modistin in den 1960er Jahren ein erstes Mal nach Lippstadt. Zur Firma Mütherich. Dann die Rückkehr zu den Püttmans in Paderborn. Jetzt als verantwortliche Meisterin. Als sich dann aber in Lippstadt die Gelegenheit bietet, greift sie zu. Herrin und Meisterin im eigenen Betrieb. In der Kahlenstraße - „Hutmoden Sabine“.

Hutmoden. Bei diesem Thema wird die heutige Altmeisterin so richtig beherzt. Den Modewandel in ihrem Bereich erkennt sie nicht gerade als Geschmacksverbesserung. Kultivierte Frauen mit Wollmützen oder gestandene Männer mit Baseballkappen - das möge wohl zweckmäßig sein. Früher sei es undenkbar gewesen. Oder dass im Trauerzug zum Grabe das strohblonde oder aschgraue Haar nicht mehr pietätvoll mit Schwarz bedeckt werde, ist für sie ebenfalls ein Beleg für „modischen Sittenverfall“.

Natürlich lebt Sabine Hassemer nicht im Gestern. Sie weiß sehr wohl, dass - ein anderes Beispiel - Hüte heute „autogerecht“ sein müssen. Hoher Filz ist da nicht gerade angemessen. Allerdings, den Einwand vieler Frauen, dass eine Kopfbedeckung die Frisur zerstöre, den lässt sie nicht gelten. „Man muss den Hut nur richtig aufsetzen.“

Als sich die Modistin in Lippstadt niederließ, hatte sie noch mehr als eine Hand voll Konkurrentinnen. Als sie das Geschäft - aus privaten Gründen - im Jahre 2001 aufgab, war sie die Einzige. Trotzdem: Sie glaubt an den Fortbestand ihres Berufes.

Viele schöne Erinnerungen an ihre Meisterjahre sind Sabine Hassemer geblieben. An treue Kundinnen von nah und fern. Und an einen ganz besonderen Kunden. (Sie arbeitete ja auch für Männer.) Eines Tages betrat nämlich Til Schweiger ihren Laden. Anlässlich einer Filmpremiere im benachbarten Gloriatheater. Er bekam den gewünschten Hut. Und sie weiß es noch genau: Es war einer mit breiter Krempe.

- Willi Kröger

13.01.2011 18:59
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