Handwerk

Das Schicksal Beethovens führte ihn zur Hörakustik

Lippstadt - Ohne ein einziges Lehr- oder Wanderjahr zur Meisterprüfung. Und die auch noch bestanden. Eine ungewöhnliche Leistung, die den Kammervorsitzenden nicht nur zu einem Glückwunsch bewog. „Sie sind also derjenige, der die Ausbildung nicht nötig hatte,“ habe er ironisch gemeint. Nötig sei sie schon gewesen, so die Antwort von Jürgen Christ. Aber kaum möglich. Denn er hatte eine Familie - und nicht nur nebenbei das elterliche Radio- und Fernsehunternehmen zu führen. So konnte er allein durch einige Seminare und etwas Fernschulung das nötige Wissen und Können in diesem Zweitberuf erwerben.

Zu diesem Beruf war er auf eigentümliche Weise gekommen. In einer Kirche hatte er die tontechnischen Voraussetzungen für die Teilnahme von Hörgeschädigten am Gottesdienst zu schaffen. Bei dieser Arbeit lernte er einige der Betroffenen kennen. Ihr Schicksal machte auf ihn einen nachhaltigen Eindruck. Wie auch die Lektüre von Beethovens „Heiligenstädter Testament“. Worin der Genius in bewegenden Worten seinen Leidensweg in die Taubheit beschreibt.

Auf Jürgen Christ wirkt das wie ein Auftrag. Ein emotionaler, wenn nicht gar sozialer Impuls. Er sieht hier eine Möglichkeit, echte Lebenshilfe zu leisten. Und die passt doch gut zum ehrbaren Handwerk. So wird die Hörakustik zu seinem zweiten Tätigkeitsfeld. In seinen ersten Handwerksberuf war er reingewachsen. In Vater Adolfs Radiowerkstatt mit Geschäft. Als der Vater schwer erkrankt, muss der Sohn - gerade bei der Bundeswehr - in die Verantwortung. Aber wie? Einige Freistellungsgesuche bleiben erfolglos. Bis sich Bürgermeister Jakob Koenen der Sache annimmt. So wird Jürgen Christ mit erst 21 Jahren kommissarischer Geschäftsführer. Die Meisterprüfung wird ihm „geschenkt“ - wegen seines guten Abschneidens in der Gesellenprüfung und der familiären Situation. Er darf ohne Meisterbrief Lehrlinge ausbilden. Sogar im kaufmännischen Bereich.

Vom Vater her kennt der heutige Altmeister noch die Anfänge des Rundfunks. Den legendären Volksempfänger, von ihm Goebbelsschnauze genannt. Diese Geräte und auch die folgenden waren noch sehr stör- und reparaturanfällig. Zudem von nur geringer Reichweite. Einen Quantensprung nennt Jürgen Christ daher die Einführung des UKW-Empfangs in den 1950er Jahren. Endlich ein vollendeter Klang. Dann kommt der nächste gewaltige Schritt. Vom Hören zum Sehen. Erst schwarzweiß und dann farbig. Auch bei den Fernsehgeräten stellen sich die üblichen Kinderkrankheiten ein. Es gibt großen Reparaturbedarf. Und das häufig außer Haus. „Unser Arbeitsbereich war weit gespannt,“ erinnert sich der heutige Seniorchef. Und hat ein hübsches Histörchen parat. „Für mich als damaligen Jungspund war es eine willkommene Aufbesserung der Reisekasse, wenn mich bei solcher Gelegenheit die Bauern zum Essen einluden.“ Ein Arbeitsessen der anderen Art.

Als Hörakustiker später muss Jürgen Christ nur noch selten zu seinen Kunden ins Haus. Gelegentlich in Altenheime. Für die Anpassung der Hörhilfen, sagt er, sei ein enger und vertrauensvoller Kontakt zum HNO-Arzt die Grundvoraussetzung. Die hier in Lippstadt erfreulicherweise gegeben sei. Die Anpassung bestehe zunächst darin, dass die Rohlinge der Diagnose entsprechend gestaltet werden. Dann komme es zur Feinabstimmung, zu der eine vier- bis achtwöchige Eingewöhnungsphase gehöre.

Der 69-jährige Autodidakt wird nur noch in Ausnahmefällen tätig. Er hat beide Betriebe seinem Sohn Markus übertragen, der allerdings als Diplom-Kaufmann ausschließlich das Geschäftliche besorgt. Fürs Handwerkliche gibt es angestellte Meister.

So ungewöhnlich der Berufsweg von Jürgen Christ ist, so ungewöhnlich und vielfältig sind auch seine Berufungen am Rande. Es können hier nur einige genannt werden: Fachbeirat bei Telefunken und Grundig. Gastdozent an der Akademie für Hörakustik in Lübeck. Vorstandsvorsitzender des einstigen Hörakustik-Mittelstandskreises. Und schließlich Lehrbeauftragter an der Uni Wuppertal im Fach Rhetorik-Kommunikation und Präsentation.

Rhetorik. Nicht nur gutes Hören war ihm also ein wichtiges Anliegen, sondern ebenso die geschliffene Sprache. - Willi Kröger

24.09.2010 19:21
Drucken Vorlesen Senden


Das Kommentieren dieses Artikels ist nach der Portal-Anmeldung möglich. Nicht angemeldete Leser können uns ihre Meinung gerne per E-Mail, Facebook oder auf postalischem Weg mitteilen.
Anzeige
Suche
Lokal
Überregional
Eingeloggt sieht man mehr
Wenn Sie sämtliche Artikel einsehen möchten, loggen Sie sich bitte ein.
Prospekte
Patriot Aktionen
Frage des Tages
Welche realistisch erscheinende Koalition soll Deutschland nach der Bundestagswahl regieren?
Jetzt abstimmen
Ergebnis
Umfragen-Archiv
Fotogalerien-Archiv
Kalenderblatt
Heute, 21.09.2017
38. Kalenderwoche, 264. Tag des Jahres
Noch 101 Tage bis zum Jahresende
Sternzeichen: Jungfrau
Namenstag: Matthäus
HISTORISCHE DATEN
Sonnenaufgang:
aa
Sonnenuntergang:
a
Mondaufgang:
b
Monduntergang:
c
Mondphase:
d
mehr
Zeitungsverlag Der Patriot GmbH • Hansastraße 2 • 59557 Lippstadt • Postfach 2350/2360 • Tel.: (02941) 201-00 • Fax (02941) 201-297