OMS Werbung
Snippets
Artikelansicht
KULTUR
„Das ist nie aufgeführt worden“

LIPPSTADT - „Das war wie ein Krimi“, meint Musikdirektor Johannes Tusch über sein jüngstes Projekt. Um Mord ging es dabei freilich nicht. Dafür aber um die akribische Suche nach längst vergessenen Werke der Musikgeschichte in „sehr staubigen Archiven“ und im Internet und um das mühevolle Entziffern alter Texte, die aufgrund ihrer Unlesbarkeit wie Geheimschriften anmuteten.

Das Ergebnis dieser intensiven Recherche sind gleich drei nicht nur musikhistorisch interessante Chorbücher, die in diesem Jahr im renommierten Carus-Verlag aus Stuttgart veröffentlicht werden sollen. Das Hauptwerk ist das „Paderborner Männerchorbuch. Geistliche Musik des 19. Jahrhunderts“, das Kantor Tusch im Auftrag des Erzbistums Paderborn zusammengestellt hat.

Chorbücher seien gerade sehr im Kommen, erläutert der Lippstädter Musikdirektor. „Das hat praktische Gründe, weil die Herstellung eines Chorbuches wesentlich günstiger ist als Einzelblätter.“ Nur ausgerechnet für Männerchöre gebe es im Bereich der geistlichen Musik überhaupt nichts.

Am fehlenden Bedarf liegt das sicherlich nicht. „Das Problem ist, dass viele Männerchöre gerade zu Weihnachten in der Kirche singen, aber nicht das entsprechende Material haben. Das ist mitunter sehr bedenklich was da abgelassen wird“, sagt Johannes Tusch lachend. Das „Paderborner Männerchorbuch“ soll da mit einer Auswahl von rund 100 Werken bekannter und weniger bekannter Komponisten Abhilfe schaffen.

Die Werke stammen aus der Blütezeit des Männerchores. „Das war die Zeit, wo die Männerchöre entstanden sind, da sind ganz tolle Sachen geschrieben worden“, betont Tusch. Nicht nur Größen wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Peter Cornelius, sondern auch zahlreiche weniger bekannte Komponisten hätten oft auf erstaunlich hohem Niveau kleine Werke für die Kirche geschrieben, die längst in Vergessenheit geraten seien.

Nachdem das Erzbistum grünes Licht gegeben und einen „enormen Druckkostenzuschuss“ bewilligt hatte, begab sich Tusch gezielt auf die Suche. Fündig wurde der Musikdirektor vor allem über das Internet. Aber er forschte auch in Archiven in Weimar und München und besorgte sich alte Bücher in Antiquariaten. Und entdeckte dabei manches völlig zu Unrecht vergessene Werk. „Von Bernhard Klein ist jahrelang ein Stück bekannt gewesen, ‚Der Herr ist mein Hirte‘, das haben alle Chöre gern gesungen. In der Sächsischen Staatsbibliothek in Dresden habe ich 17 Stücke von ihm gefunden, die in der gleichen Art sind.“

Mit dem Ergebnis seiner dreijährigen Recherche ist der Kantor durchaus zufrieden. „Da ist wirklich alles drin, das gesamte Kirchenjahr ist abgedeckt. Das ist wirklich etwas, womit wir das Niveau der Männerchöre anheben können.“ Und auch die Sänger selbst warteten dringend auf das Werk, das ursprünglich bereits im März erscheinen sollte: „Die Leute haben schon immer angerufen und gefragt: Wann ist das Buch da?“

Erscheinen wird es jetzt vermutlich im Oktober oder November, umrahmt von zwei weiteren Veröffentlichungen. Zwei Werke von Christian Heinrich Rinck (1770 - 1846) erwiesen sich als zu umfangreich für das Chorbuch und kommen separat auf den Markt, ein „Requiem“ sowie die „Deutsche Messe“, beide komponiert für vier Solostimmen, Männerchor und Orgel.

„Seit 20 Jahren ist der wieder ganz aktuell“, sagt Tusch über den zu Lebzeiten ausgesprochen bekannten Komponisten. Wiederbelebt wurden bisher vor allem Rincks Orgelwerke. Die Chorkompositionen schlummerten dagegen in der Unibibliothek Darmstadt und vor allem in der Yale University in New Haven / Connecticut.

Nachdem Tusch im Bibliotheksverzeichnis von Yale auf die Werke gestoßen war, musste die Universität zuerst prüfen, ob der Zustand des Papiers eine Kopie überhaupt zuließ. Doch das war nicht das einzige Hindernis. Rincks Sütterlin-Handschrift erwies sich für heutige Leser als kaum entzifferbar. Hilfe bekam der Lippstädter Kantor von drei Mitgliedern des von ihm geleiteten Chores „Lyra“ aus Wadersloh. Und auch die Noten musste der Musikdirektor in mühevoller Arbeit erst in eine druckbare Form bringen.

Ob die „Deutsche Messe“ je aufgeführt wurde, ist nicht ganz sicher. Klarer liegt der Fall Tusch zufolge beim zweiten wiederentdeckten Werk: „Das Requiem ist nie gedruckt und nie aufgeführt worden, es gibt nur diese handgeschriebene Partitur.“

Doch das wird sich ändern. Beide Rinck-Werke werden am Sonntag, 23. September, im Rahmen der „Orgeltage in Lippstadt“ in der Elisabethkirche aufgeführt. Unter der Leitung von Johannes Tusch singt ein aus Sängern der Hochschule für Musik Detmold und des Landestheaters Detmold zusammengestellter Männerchor die „Messe“ und das „Requiem“. „Das wird eine ganz hochkarätige Sache“, verspricht Tusch. - bal

03.07.2012 18:41
Vorlesen
Werbung
Artikel kommentieren
Bitte geben Sie den Bestätigungscode ein:
neuen Code generieren
Suche
Ticker
Lokal
Überregional
Videogalerie
17.04.2013
Großbaustelle Flughafen Paderborn-Lippstadt
1
Wetter
Kalenderblatt
Heute, 21.05.2013
21. Kalenderwoche
141. Tag des Jahres
Noch 224 Tage bis zum Jahresende
Sternzeichen: Zwillinge
Namenstag: Hermann, Konstantin, Wiltrud
Sonnenaufgang:
aa
Sonnenuntergang:
a
Mondaufgang:
b
Monduntergang:
c
Mondphase:
d
mehr
Zeitungsverlag Der Patriot GmbH • Hansastraße 2 • 59557 Lippstadt • Postfach 2350/2360 • Tel.: (02941) 201-00 • Fax (02941) 201-297