LIPPSTADT

Diagnose: Krebs

Von Dominik Friedrich

Lippstadt- Worte für dieses Gefühl der Ohnmacht? Die hat Bernhard Giersche noch nicht gefunden. „Das kann man nicht beschreiben“, sagt der 49-Jährige. „Das geht durch Mark und Bein“. 14 Tage ist es mittlerweile her, dass der Eickelborner im Evangelischen Krankenhaus die niederschmetternde Diagnose erhielt: Gallengangkrebs im weit fortgeschrittenen Stadium. Heilungschance: 0,0 Prozent. Lebenserwartung: sechs bis neun Monate. Handlungsunfähigkeit: nach Einschätzung der Onkologen schon in vier bis sechs Wochen.

Krebs-Tagebuch im Patriot

Der Feind in seinem Körper bekommt seit Freitag Gegenwehr: Eine Chemotherapie mit begleitender Methadon-Gabe startete für Bernhard Giersche in einer onkologischen Praxis in Oelde. Ab sofort schreibt der Eickelborner seine Empfindungen und Gefühle aus seinem Leben mit dem Krebs für den Patriot nieder. In loser Reihenfolge erscheint das Tagebuch bis zu zweimal wöchentlich auf unseren Lippstädter Lokalseiten. Giersche schreibt für sich persönlich, aber vor allem für andere, die bereit sind, sich diesem Tabuthema zu öffnen – schonungslos offen für jeden, der es lesen möchte. Uns ist es ein Anliegen, dafür eine Plattform bereitzustellen.

„Mein Todesurteil“, dachte Giersche. „Ich befand mich im freien Fall, hatte völlige Todesangst“, beschreibt er seinen Zustand an diesem 29. Juni. Eine emotionale Mauer habe ihn dann kurz vor dem Aufprall gebremst. Dieser Schwebezustand zwischen Tod und Leben hält seitdem an, „wabert den ganz Tag durch Herz und Kopf. Ein unsägliches Gefühl“, sagt Giersche.

Aufgeben? Für den gebürtigen Duisburger dennoch zu 0,0 Prozent ein Thema. „Auch wenn es noch so bescheuert klingt: Es ist mein fester Wille, das zu überleben – und wenn ich der erste und einzige Mensch bin, dem das gelingt.“ Die Kraft schöpft er unter anderem aus der Liebe zu seiner Lebensgefährtin. Am Donnerstag gab er ihr im Lippstädter Standesamt das Ja-Wort. Jetzt ist sie seine Frau, seine Frau fürs Leben. Für ein Leben, das den Tod nicht ausschließt, diesen aber noch eine ganze Weile aufhalten möchte.

Vielleicht auch mit der Hilfe von Methadon. Die Diskussion über das Opiod mit stark schmerzstillender Wirkung als Medikament in der Krebstherapie ist deutschlandweit entbrannt in diesen Monaten. Kann es helfen, bislang unbesiegbare Krebszellen für die Chemotherapie empfänglicher zu machen? Klinische Studien liegen nicht vor. Manche Ärzte sehen jedoch erste positive Effekte, andere dagegen weigern sich, Methadon zu verordnen, weil sie etwa aufgrund der dünnen Studienlage keine voreiligen Schlüsse ziehen möchten oder die Gefahr ungeahnter Nebenwirkungen sehen.

So oder so: Für Bernhard Giersche ist das aus der Heroinersatztherapie bekannte Mittel ein Strohhalm, eine letzte Chance: „Es schenkt dem Patienten Hoffnung. Allein wegen dieses psychologischen Aspektes ist es für mich unverständlich, dass sich Ärzte verweigern“, sagt der examinierte Altenpfleger, der nebenberuflich Romane schreibt. Der aktuelle Methadon-Konflikt in der Medizin erwischte Giersche im Evangelischen Krankenhaus eiskalt. Seine Ärzte-Odyssee endete deshalb nach der endgültigen Diagnose nicht in Lippstadt. Sie führt ihn weiter nach Oelde.

Doch zunächst ein Rückblick: Vor gut anderthalb Jahren begann Giersches Leidensgeschichte mit starken Rückenschmerzen. Der 49-Jährige hatte mit seiner Frau gerade ein Haus in Eickelborn gekauft, der selbst angelegte Garten, heute ein kleines Paradies, nahm Gestalt an. Zig Untersuchungen liefen monatelang ins Leere, bis ihn vor wenigen Wochen extreme Oberbauchschmerzen ins Dreifaltigkeitshospital führten. Dort wurde er mit einer Magenschleimhautentzündung und entsprechenden Medikamenten entlassen.

Sein Hausarzt blieb aber weiter skeptisch, fand bei einer erneuten Ultraschalluntersuchung Auffälligkeiten auf der Leber. CT-Bilder und Blutuntersuchung zur Feststellung der Tumormarker brachten dann im Ev. Krankenhaus schockierende Klarheit: Der Gallengang war komplett infiltriert von einem Tumor. Sechs Zentimeter groß war ein weiterer Tumor auf der Bauchspeicheldrüse. Zudem war der gesamte Bauchraum von Metastasen befallen. „Mir war arschklar: Da ist was ganz Böses unterwegs“, erinnert sich Giersche.

Die Vorbereitungen für die Chemotherapie begannen umgehend. Ein so genannter Port wurde herznah unter die Haut gepflanzt. Als Giersche allerdings auf den Einsatz von Methadon im Rahmen der Therapie beharrte, erfolgte die ärztlich angeordnete Entlassung aus dem Evangelischen Krankenhaus. Eine onkologische Praxis in Oelde ist nun bereit, Methadon anzuwenden. Direkt am Tag nach der Hochzeit startete die Chemotherapie.

Giersche möchte mit Blick auf die in Lippstadt nicht erfolgte Behandlung nicht nachkarten, sondern nach vorne schauen. „Ich möchte die Zeit, die mir bleibt, mit Liebe und Leben füllen, sagt er. Etwa mit einer dreitägigen Gartenparty für alle Verwandten und Freunde am übernächsten Wochenende, mit Ausflügen und gemeinsamen Stunden mit seiner Frau im neuen Eigenheim.

Vor allem aber auch mit einem Facebook-Blog und einer heute in dieser Zeitung startenden Tagebuch-Serie. Sein Ziel: die Themen Krebs und Tod enttabuisieren. „Ich bin nun mal gezwungen, über den Tod als Unabwendbarkeit des Lebens nachzudenken“, erklärt er. „Vielleicht kann ich mit meinen Tagebuch-Einträgen Angst nehmen, Mut machen, Verständnis wecken und Bereitschaft generieren, sich damit auseinanderzusetzen“, hofft Giersche. „Dann hat das alles wenigstens einen Sinn gemacht.“  


TROTZ. Todesangst

Mit diesem Tagebuch möchte Bernhard Giersche aus Eickelborn (49) Mut machen für mehr Offenheit im Umgang mit den Tabuthemen Krebs und Tod. Ende Juni ereilte ihn die Diagnose Gallengangkrebs. Heilungschance: 0,0 Prozent. Lebenserwartung: sechs bis neun Monate. Warum er trotzdem weiterkämpft, schreibt er für den Patriot fortlaufend in loser Reihenfolge unter dem Titel „Trotz. Todesangst“.


Samstag, 15. Juli 2017

Mitten aus dem Leben“…so nennt man das wohl, wenn einem das Schicksal derartig ins Dasein grätscht. Irgendwann beginnt vielleicht jeder Mensch, sich mit der Endlichkeit des eigenen Lebens auseinanderzusetzen. Mit 70, vielleicht auch erst mit 80 Lebensjahren. Und dann gibt es noch Naturkatastrophen. Verkehrsunfälle oder andere Dinge, die im Alltag geschehen und wie ein Tsunami über ein Menschenleben hereinbrechen. Und so ist es mir geschehen. 

Ich habe keine Ahnung, wie hoch mein Blutdruck ist. Gefühlt sicher über 200/100. Das kann nur ein Alptraum sein, das kann unmöglich korrekt sein, was mir all diese Ärzte in teilweise schonungsloser Art und Weise um die Ohren gehauen haben. „Regeln Sie ihre Sachen! Sechs bis neun Monate haben Sie noch. In sechs Wochen sind Sie ein Pflegefall!“ Wie eine Schallplatte mit einem Sprung wiederholen sich diese Sätze in meinem Kopf und vor allem in meinem Herzen. Eben noch stand dieser Arzt vor mir und berichtete jovial über meinen Gesundheitszustand und kaum eine Minute später sitze ich alleine mit meiner Gisela in dem schlichten Krankhauszimmer und starre vor mich hin. Das war, als hätte mich jemand ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gestoßen. Eine Szene, wie in einem billigen Hollywood-Streifen. Nur, dass bis heute niemand kam und Eis anbot oder einekalte Cola. Ich bin dieser völlig fremden und so unglaublich tiefgehenden Tatsache wehrlos ausgesetzt. Da ist niemand, den ich anflehen kann, und es gibt keine Instanz, bei der ich eine Neuaufnahme des Verfahrens beantragen könnte. Ich bin zum Tode verurteilt, ohne eine schreckliche Straftat begangen zu habe. 

Ich bin die ersten Stunden nach der Diagnose wie versteinert. Giselas Tränen und ihr Schluchzen erreichen mich kaum und wie mechanisch streichle ich ihr den Rücken. „Schatz, wir schaffen das. Das kriegen wir hin“. Zunächst einmal sind das nur leere Floskeln, Worthülsen, die ich abschieße, um wenigsten meiner Frau die Angst vor dem zu nehmen, was da ungebremst auf unser gemeinsames Leben zurast. Und da ist diese Angst. Diffus und nie zuvor erlebt oder gespürt. Ich fühle mich wie jemand, der zwischen zwei gewaltige Mühlsteine geraten und gleichzeitig völlig paralysiert ist. Mein Verstand weigert sich schlicht, das anzuerkennen. Und doch ist alles wahr und real.

15.07.2017 08:30
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