ANRÖCHTE

Eine Ära am Zapfhahn endet

ANRÖCHTE - „Nach getaner Arbeit kehren wir ein, um zu trinken Bier, Korn oder Wein! Für den Hunger: „Was darf’s sein? Ein strammer Max - groß oder klein?“ Eine nicht nur einladende sondern auch sehr gemütlich klingende Werbebotschaft. Ja! Ganz genau! Diese gereimten Zeilen, abgedruckt in einer schon einige Jahre alten Festschrift des Junggesellenschützenvereins (JSV) Anröchte, luden zu entspannenden Stunden im Gasthof von Ernst und Nanni Stratmann am Marktplatz ein. Wer dort eine schöne Zeit bei Bier, Korn oder Wein erleben möchte, um sich dabei noch „den herzhaften strammen Max“ munden zu lassen, der hat leider nur noch wenige Stunden Zeit dafür. Denn der heutige Dienstag, 31. Juli, steht nämlich für das Ende einer Ära in Anröchte. Letztmalig steht das geschätzte und beliebte Wirtepaar heute hinter der Theke seines Traditions-Gasthofes.

Heute Abend oder gar erst am frühen Mittwochmorgen, wenn die letzten Gäste den Schankraum mit einem wehmütigen Blick auf die nostalgische Theke, ihren geschätzten Stammtisch oder auf das urgemütliche Sofa mit dem letzten Tschüss verlassen, drehen Ernst und Nanni Stratmann, sicherlich mit ebenso viel Wehmut, den Zapfhahn hoch und gönnen sich vielleicht in trauter Zweisamkeit noch ein letztes Bierchen vor ihrem selbstgewählten Ruhestand?!?

Vier Generationen hinter dem Tresen

Über vier Generationen, erzählten Ernst und Nanni Stratmann im Gespräch mit dem Patriot, war der Gasthof, im Schatten der Pfarrkirche gelegen, eine feste Größe innerhalb der einstmals wirklich blühenden Kneipenszene in Anröchte. Diese zählte in frühen Jahren bis zu 16 Betriebe, wie der 75-jährige Ernst Stratmann berichtete.

Der erste Erlaubnisschein, ausgestellt vom damaligen „Königlichen Landrath“, der in Lippstadt siegelte, zum Führen einer Gast- und Schankwirtschaft datiert vom 5. April 1859 und galt Philipp Stratmann. Seitdem war der Gasthof, dem in früheren Zeiten auch eine Bäckerei, die der Großvater von Ernst Stratmann, Arnold Stratmann, betrieb, angegliedert, stets im Familienbesitz.

Sein Vater, weiß Stratmann zu berichten. entschied zu seiner Zeit, die Bäckerei nicht weiterzuführen. Er konzentrierte sich auf die Landwirtschaft und die Gastronomie.

Geschichten erzählt, Geschichte gemacht

Dessen Lebenswerk führte Ernst Stratmann in den zurückliegenden Jahrzehnten fort und wurde nach dem Tod seiner Mutter im Jahre 1987 dann ganz offiziell der Chef hinterm Tresen. Eigentlich wollte der heute 75-jährige den Beruf des Kochs ergreifen, folgte dann aber dem Wunsche seines Vaters und wurde Landwirt und Gastronom.

Bei Ernst und Nanni an der Theke, an den Tischen des Schankraums oder im großen Saal in der ersten Etage bzw. auch im kleinen Zimmer im Parterre trafen sich in den vergangenen Jahrzehnten Alt und Jung gleichermaßen. Hier wurden nicht nur Geschichten erzählt, sondern auch Anröchter Geschichte geschrieben. Hier wurde, ganz besonders in früheren Jahren, „große“ Politik gemacht. Ließ sich doch bei Bier und Korn bestens Debattieren und in der Sache streiten. Bei Ernst trafen sich die heimischen Vereinigungen, von den Schützen bis hin zu den Heimatfreunden, vom Tambourkorps Anröchte (seit 1949) bis hin zu den Plattdeutschen oder auch die Kriegerkameradschaft (heute: Soldatenkameradschaft), Sportgruppen, wie u.a. die Jedermänner“ oder Fußballteams.

Ganz legendär die früheren Generalversammlungen der Junggesellen- oder auch der Männerschützen, die „auf dem Saal“, der in den letzten Jahren aus Sicherheitsgründen nicht mehr dafür genutzt werden konnte, stattfanden.

Damit’s dort im Winter so richtig muckelig warm war, auch wenn oftmals hitzige Debatten geführt wurden, stocherte der Wirt den kultigen „Kanonenofen“. Mit dem Schützenwesen fühlen sich die Wirtsleute besonders verbunden. So schoss Ernst Stratmann 1971 den Vogel beim JSV ab und regierte 1992 / ‘93 mit seiner Frau die Männerschützen.

Wie schon kurz erwähnt, war bei Stratmanns auch die Anröchter Kommunalpolitik, gleich welcher Farbe, stets zu Gast. Sei’s zu Fraktionssitzungen oder Parteitagen. Gern führte man auch die jeweilige Bundes- oder Landes-Polit-Prominenz, wenn sie in der Haarstranggemeinde Station machte, in den echt westfälischen Gasthof.

Keine Frage, dass auch der Kulturring Anröchte hier tagte und bei Ernst und Nanni seine Gäste bewirtete. Wollen wir nicht vergessen, dass hier die Geburtsstunde des Anröchter Karnevals Vereins (AKV) mit lautem „Helau“ schlug. Nicht von ungefähr. Denn bei Stratmanns wurde viel gelacht, zahlreiche Feste gefeiert und es herrschte immer gute Stimmung. Keine Frage, dass die Wirtsleute oftmals so manch traurige Geschichte hörten; sich Gäste ihnen anvertrauten. Von Sorgen, Nöten oder Enttäuschungen wurde berichtet. „Da war einfach nur Zuhören angesagt, was vielen schon half“, weiß das Paar.

Beste Wünsche für den Ruhestand

Natürlich fand im Schankraum auch so macher Skatabend statt, bis in die Morgenstunden wurde gereizt. Aber auch Knobelfreunde, wie die „Freitagsrunde“, die an dieser Stelle stellvertretend für alle anderen Vereinigungen, Gruppen, Clubs und Organisationen besonders genannt und per Bild (siehe oben) erwähnt sei, kehrten dort ein. Die Anröchter Segler Gemeinschaft plante hier so manchen Törn oder auch Damenrunden trafen sich zum Plausch. Viele andere Stamm- und Ab-und-zu-Gäste ließen sich hier noch erwähnen.

Egal, sie alle werden sich sicher stets gern an die gemeinsamen Stunden im gemütlichen Gasthof Stratmann am Markt erinnern und ganz speziell heute, an ihrem letzten Öffnungstag, Ernst und Nanni Stratmann bei Bier, Korn oder Wein alles Gute für die Zukunft im verdienten Ruhe- oder Un-Ruhestand wünschen. - gö.

30.07.2012 19:12
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