Im Land der Fußball-EM: Marie Ahlers aus Lippstadt macht Freiwilligendienst in der Ukraine
Lippstadt - Freiwilligendienst im Ausland. Immer mehr junge Leute sammeln auf diesem Wege spannende und lehrreiche Erfahrungen für ihr weiteres Leben. Auch Marie Ahlers. Wobei in ihrem Fall der Auslandsaufenthalt in verschiedener Hinsicht ein ganz besonderes Erlebnis ist. Die 20-jährige Lippstädt Abiturientin hat sich die Ukraine für ihren Freiwilligendienst ausgewählt. „Das war für mich ein weißer Fleck auf der Landkarte“, so schrieb Marie dem Patriot. Und doch ist ein Land, das durch den Fall Timoshenko und die Fußball-Europameisterschaft weltweit in den Blickpunkt gerückt ist. Wie Marie Ahlers selbst die Ukraine erlebt, das hat sie im nachfolgenden Bericht für den Patriot aufgeschrieben.
„Ich lebe nun seit neun Monaten in Simferopol auf der Krim und habe sehr viel gelernt, eine Menge Hürden überwunden und kann mit Stolz berichten, hier angekommen zu sein. Mein Projekt ist das Heidelberg-Zentrum, ein deutsches Kulturzentrum mit Goethe-Institut, den verschiedensten sozialen und kulturellen Projekten und dem Verband ehemaliger Zwangsarbeiter des 2. Weltkrieges.
Ich besuche ältere Menschen, die zur Arbeit in Deutschland gezwungen wurden, helfe im Haushalt und im Garten, gehe einkaufen und leiste Gesellschaft. Diese Aufgabe ist interessant, oft aber auch erschreckend. Die Altersarmut ist groß in der Ukraine, viele Menschen leben unter sehr einfachen und ärmlichen Bedingungen und von weniger als 100 Euro im Monat. Weitere Aufgaben sind die Hilfe im Zentrum. Gemeinsam wurden schon ein deutscher Konversationsklub gegründet, verschiedene Feste, wie der St. Martinstag oder Karneval, organisiert und deutsche Filmabende veranstaltet.
Bis vor meinem Freiwilligendienst war der östlichste Punkt, an dem ich je gewesen bin, wohl Friedrichshain in Berlin oder so. Die Ukraine? Für mich irgendwo ein Land in Richtung Russland, mit dem ich nicht viel mehr als die Klitschko-Brüder und eine blonde Politikerin verband. Umso mehr habe ich in diesem Jahr über die Ukraine gelernt. Es gibt unendlich viel zu entdecken.
Wussten Sie zum Beispiel, dass das Land zweisprachig ist und die meisten Ukrainer sowohl Ukrainisch als auch Russisch fließend sprechen? ( Je nachdem, wo man sich im Land aufhält, kommt auch noch Polnisch, Ungarisch oder Krimtartarisch hinzu.) Oder haben Sie jemals von der beeindruckenden Natur der Ukraine gehört? Den Karpaten im Westen, den Steppen und zwei Küsten im Süden, den unendlich weiten Feldern, Wiesen und Wäldern überall im Land? Bis heute bin ich immer wieder beeindruckt: Von der Kilometerzahl her bin ich gar nicht so weit von zu Hause weg und doch lebe ich hier in einer völlig anderen Welt.
Sprache(n), Essen, Kultur, Gebräuche, Religionen, Werte, Städte, Architektur, Menschen, Minderheiten - all diese Dinge erinnern oft nicht im Entferntesten an das vertraute Deutschland und machen meinen Freiwilligendienst besonders spannend.
Kein klares Bild über den Fall Timoshenko
Wie es der Zufall so will, ist gerade mein Jahr in der Ukraine politisch ein sehr spannendes. Die Haft von Julia Timoshenko, die Anschläge in Dnepropetrovsk, die Fußball Europa-Meisterschaft. Viele Freunde und Bekannte aus Deutschland schreiben mir und fragen mich, wie ich diese Ereignisse erlebe. Würde ich mich allerdings nicht eigenständig informieren, bekäme ich von all dem wahrscheinlich gar nichts mit. In meinem Umfeld von ukrainischen Freunden oder Bekannten bemerke ich keine Diskussionen oder Gespräche. Nationale Medien verfolge ich schon allein wegen der Sprachbarriere nicht. Daher bemühe ich mich, so viel wie möglich nachzufragen. Die Antworten, die ich bekomme, sind sehr unterschiedlich. An dieser Stelle ist es wichtig, zu betonen, dass meine Beobachtungen auf keinen Fall repräsentativ sind, allein, da ich mich vorrangig in einem modernen, westlich orientierten Umfeld bewege.
An Julia Timoshenko scheiden sich die Geister, viele denken, dass sie die Haftstrafe verdient. Auf die von ihr angeprangerten schlechten Bedingungen ging bisher niemand ein. Möglicherweise ist das hier gar nicht bekannt. An überzeugten Unterstützern mangelt es ihr jedoch auch nicht. An das vielerorts zu sehende Bild (Ich liebe Julia) habe ich mich schon gewöhnt. Ich vermute, dass viele Ukrainer ihren Einsatz während der Orangenen Revolution nach wie vor schätzen.
Die Bombenanschläge in Dnepropetrovsk im April haben auch hier sehr schockiert und niemand weiß so richtig, wer dahinter stecken könnte. An Gerüchten mangelt es jedoch nicht. Eine Vermutung ist, dass die ukrainische Regierung selber die Anschläge verübt hat. Mir ist nicht ganz klar, was genau sie sich in dem Fall von den Anschlägen verspricht, aber so ist zum Beispiel eine Rechtfertigung für verstärkte Kontrollen und Präsenz der Miliz gegeben.
Eine andere Theorie ist die der Revierkämpfe zwischen Juden in Dnepropetrovsk. In der Stadt gibt es eine große jüdische Minderheit und einige Einwohner vermuten, dass durch die Explosionen an den vier verschiedenen Orten in der Innenstadt ein Gebiet einiger einflussreicher jüdischer Männer in der Stadt markiert werden sollte. Ich fand es doch recht erschreckend, wie viele Dnepropetrovsker sehr gut wissen, was in ihrer Stadt vor sich geht, die Presse doch mit keinem Wort über die Vermutungen berichtet.
Ein Eindruck, der sich mit der Zeit bei mir festigt, ist der einer zunehmenden Politikverdrossenheit in der Ukraine. Als ich kürzlich mit einer Bekannten über Julia Timoshenko und die Orangene Revolution sprach, erklärte sie mir zum Schluss, dass sie eigentlich aufgehört hat, sich über die Politik Gedanken zu machen. „Ich sorge mich lieber darum, dass es mir und meiner Familie gut geht und möchte meine Zeit nicht damit vergeuden, mich über die Politiker aufzuregen, da das eh nichts ändert.“
Ich glaube, dass dies ein Ergebnis der Revolution 2004 ist. Die großen Enttäuschungen, als sich im Anschluss dennoch kaum etwas geändert hat, ließ viele resignieren. Eine Alternative ist da eher das Auswandern. Sehr viele Menschen wollen in Deutschland oder den USA arbeiten und eigentlich jeder hat Bekannte im Ausland.
Stolz auf die weltweite Beachtung
Ein viel schöneres Thema ist natürlich die Fußball Europameisterschaft in diesem Jahr. Zwar ist die Mehrheit der Ukrainer lange nicht so fußballbegeistert wie zum Beispiel in Deutschland, trotzdem sind die meisten sehr stolz und freuen sich über die Aufmerksamkeit, die ihr Heimatland durch das Ereignis erhält. Beschwerden gibt es allerdings auch. Viele Menschen haben den Eindruck, dass die Veranstalter mit der Organisation überfordert sind.
Viele Menschen haben resigniert
Ein Beispiel dafür sind die Studentenheime, die laut vielen Zeitungsberichten und Erzählungen von Bekannten während der EM nahezu zwangsgeräumt wurden, um Unterkünfte für Touristen zu schaffen. Die Bewohner müssen entweder in der betroffenen Zeit zusätzliche Miete bezahlen oder sich selber um eine alternative Unterkunft kümmern. Dies ist nur ein Fall von großen Ungerechtigkeiten, die mit der Meisterschaft einhergehen. Ich fände es trotzdem schön, würden die Gastgeberländer durch das Ereignis in Zukunft die verdiente Aufmerksamkeit, zum Beispiel als Urlaubsziele, bekommen.
Sicherlich ist die Ukraine nicht das einfachste aller Länder für einen Auslandsaufenthalt. Nicht nur einmal habe ich meine Entscheidung verflucht, denn gerade das Fremde und Spannende bietet auch viel Anstoßfläche. Schon oft habe ich mich geärgert, mir Leute gewünscht, die ticken wie ich, Supermarktkassiererinnen, die meine Sprache sprechen und beim Blick aus dem Fenster das vertraute Bild anstatt einer Sicht auf Plattenbauten und Straßenhunde. Nichtsdestotrotz glaube ich, wenn man sich solchen Herausforderungen stellt, dass die persönliche Entwicklung in einem Jahr wie diesem umso größer ist und man die Chance hat, sehr viel über sich selber zu lernen und herauszufinden, wo man fernab vom vertrauten Leben in Deutschland steht.
Wenn es im August zurück nach Hause geht, freut sich ein Teil von mir sicher, wieder zurück in der Heimat bei Vollkornbrot, Haribo und der einfachen Muttersprache zu sein. Allen Schwierigkeiten zum Trotz hat sich ein Teil von mir aber auch in Osteuropa verliebt, in Nachtfahrten in klapprigen Schlafwagen, fürsorgliche Babushki, die einen mit ukrainischem Essen mästen, in die einzigartige Landschaft und die hilfsbereiten und herzlichen Menschen hier.“