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Handwerk
„Früher wurden Dachziegel von innen verstrichen“
LIPPSTADT  ■  Wenn, ja wenn es im Eichsfeld nicht so lange und so strenge Winter gegeben hätte, dann wäre Lippstadt um einen bedeutenden Handwerksbetrieb ärmer. Dann gäbe es die Firma Fürstenberg nicht. Warum? Das ist schnell erklärt. Vom heutigen Seniorchef Franz-Josef Fürstenberg. „Mein Urgroßvater Caspar Fürstenberg gründete 1850 in Kreuzebra im Eichsfeld einen Dachdeckerbetrieb, den mein Großvater Nicolaus später übernahm. Der sah, wegen der günstigeren klimatischen Bedingungen im Westen Deutschlands, hier zu Lande die besseren wirtschaftlichen Möglichkeiten. Also: Im Westen was Neues. Erste Station ist Ennigerloh. Endstation Lippstadt - Wiedenbrücker Straße. Im Jahre 1907 wird Sohn Franz geboren. Er setzt die gewerbliche Tradition fort. Und für dessen Sohn Franz-Josef, den jetzigen Altmeister, ist die Sache ebenfalls klar. Auch er bleibt beim angestammten Handwerk. Nach der Lehre beim Vater und einigen Gesellenjahren macht er 1968 seine Meisterprüfung. 1971 wird er Mitinhaber, 1974 „Alleinherrscher“. Mit deutlich sichtbarem Erfolg. Sodass die Firma Fürstenberg heute nicht nur das älteste Unternehmen seiner Art am Platz ist. Die Entwicklung im Dachdeckerhandwerk skizziert „Frano“, wie der Meister in seinem großen Bekanntenkreis genannt wird, in aller Kürze so: „Früher wurden im hiesigen Bereich, wie schon bei den alten Griechen, fast ausschließlich Tonziegel verwendet. Die wurden von innen verstrichen.“ Später erst habe man stattdessen Unterspannbahnen vernagelt. Dadurch sei eine bessere Durchlüftung entstanden. Irgendwann seien dann die Zementdachsteine in Mode gekommen. Heute allerdings gehe der Trend wieder in Richtung Tonziegel. Franz-Josef Fürstenberg erinnert an die Zeit, da sie mit drei bis vier Leuten auf der Leiter gestanden und die Pfannen per Hand und über Kopf nach oben gereicht hätten. Bis dann der Aufzug kam und danach der Kran. Die Art der Materialien, informiert er weiter, habe sich im Lauf der Jahrzehnte gewaltig erweitert. Bis hin zur Dacheindeckung in Grün. Vater und Sohn wandeln Betrieb um Hierbei kommt die Rede auf jene Hausierer, die über die Lande ziehen und die Dächer auf Hochglanz polieren wollen. „Scharlatane,“ sagt der 72-Jährige, „die versprechen Garantie für 20 Jahre und sind nach zwei Jahren von der Bildfläche verschwunden.“ Ein wenig Moos, ergänzt er, sei auf geneigten Dächern überhaupt nicht schädlich. Zur Bedachung eines Hauses gehört natürlich auch das Anbringen der Rinnen. Was noch der Dachdecker besorgt. Aber weitere Arbeiten mit Metall, insbesondere im Fassadenbereich, obliegen dem Klempner. Was lag da näher, als dass Sohn - und mittlerweile Mitinhaber - Klaus sich auch noch dieses Handwerks „bemächtigte“. Und somit Meister in beiden Sparten ist. Vater und Sohn wandeln dann den Betrieb, der schon 1979 nach Rixbeck verlegt worden war, gemeinsam um in eine GmbH. Innungs-Obermeister und Sachverständiger Franz-Josef Fürstenberg war immer auch über den Tellerrand der eigenen Firma hinaus engagiert. Und so blieben die Ehrenämter nicht aus: Innungs-Obermeister, Sachverständiger, Mitglied im Meisterprüfungsausschuss. Und noch einige. Logische Folge ist die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes im Jahre 2002. Er weiß seinen Betrieb in guten Händen. Sogar die sechste Generation steht bereit - ebenfalls mit Meisterehren. Der Senior könnte also ans Aufhören denken. Tut er aber nicht. Etwas Histörliches noch am Rande. Zu Zeiten der Zünfte gehörte der Ohrring zur Berufskleidung der Dachdecker. Und wenn einer von ihnen gegen die Zunftordnung verstieß, wurde ihm der Ring aus dem Ohr gerissen. So entstanden Wort und Typus des „Schlitzohrs“ - Synonym für listig-hinterhältige Menschen. „Frano“ Fürstenberg gehört dem Vernehmen nach aber nicht dazu.  ■  Willi Kröger
03.07.2010 11:25
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