Handwerk

„Frühmorgens musste ich den Leimtopf aufsetzen“

ANRÖCHTE - Auf ihn trifft die Bezeichnung Altmeister nun wirklich zu. Mit seinen 89 Jahren. Die man ihm aber kaum anmerkt. Weshalb es auch nicht verwundert, dass er noch gelegentlich zu seinem Handwerkszeug greift. Etwa „wenn die von der Pfarrbücherei kommen mit ihren aus dem Leim geratenen alten Schätzchen.“ Dann ist er immer noch ein gefragter Mann: Alfons Henke. Er ist Buchbinder. Meister natürlich auch. In seinem Heimatort Anröchte war er über 50 Jahre selbstständig tätig. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Heinrich, der als Buchdrucker die Vorarbeit für den Buchbinder besorgte.

Die Buchbinderei hatte Vater Heinrich Henke 1905 eröffnet. Aber nicht bei ihm geht Sohn Alfons in die Lehre, sondern bei der Firma Blömeke in Lippstadt. Wo er sich das Rüstzeug erwirbt für diesen Beruf, der sein Entstehen natürlich der Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg verdankt. Ohne Gutenberg, so wird schon mal behauptet, würde niemand Martin Luther kennen. Und die digitale Revolution der letzten Jahrzehnte wäre ebenfalls ausgeblieben. Doch was wäre alle Buchdruckerkunst ohne die Buchbinderei? Wären wir auf Loseblattsammlungen angewiesen? Nicht auszuschließen. Der Buchbinder jedenfalls sorgt dafür, dass das gedruckte Wort in eine griffige Form gebracht wird.

Es sind nicht in erster Linie Bücher, die Alfons Henke in seinen langen Berufsjahren gefertigt hat. Den Hauptanteil an seiner Arbeit machten die sogenannten Akzidenzdrucke aus: Zeitschriften, Kalender, Werbematerialien, Broschüren und Prospekte. In des Meisters Anfangsjahren wurden die einzelnen Blätter noch mit dem Faden gebunden. „Später wurden sie dann geleimt,“ sagt er. Im sogenannten Klebebindeverfahren. An den Leim als ein ganz wichtiges Arbeitsmaterial hat er noch eine besondere Erinnerung. „Der Leim musste anfangs erhitzt werden. Und das hatte schon am frühen Morgen zu geschehen.“ Als Lehrling bei Blömekes war das dann immer seine Aufgabe: Zu Arbeitsbeginn den Leimtopf anheizen. Später, so Alfons Henke weiter, sei das dann nicht mehr nötig gewesen. Da habe man Kaltleim verwenden können.

Sein Beruf, sagt der 89-Jährige, sei wohl ein aussterbender. Und die Gründe sind klar. Wie überall. Der Fortschritt der Technik. Und auf noch etwas weist er hin. Früher habe - nicht nur in Anröchte - jeder halbwegs gläubige Christ sein eigenes Gesangbuch gehabt. Das war eine dankbare Aufgabe für den Buchbinder. Doch heute? Dafür gebe kaum noch jemand Geld aus. Wenn die Leute denn überhaupt noch in die Kirche gingen.

Alfons Henke hat in seiner guten Zeit auch Lehrlinge ausgebildet. Mit dem ersten von ihnen verbindet ihn noch eine gute und lebhafte Erinnerung: Heiner Buddeus. Der hat es später in Anröchte und darüber hinaus zu beträchtlicher Popularität gebracht. Sowohl als Buchbindermeister als mehr noch im Tischtennissport. Er ist allzu früh verstorben.

Ein anderer Lehrling, erklärt Alfons Henke weiter, sei bis zu seiner Berentung bei ihm angestellt gewesen. Ihm habe er einen wesentlichen Teil der Handwerksarbeit übertragen können, sodass er selbst sich mehr und mehr dem Einzelhandelsgeschäft widmen konnte. Verkauf von Büchern, Schreibwaren, Schulartikeln und Spielwaren. Aber auch das Einrahmen von Bildern zählte zu den Aufgaben des Buchbinders. Dass es Alfons Henke schon mal mit richtigen Klassikern der Literatur zu tun hatte, beweist sein Meisterstück - Gustav Freytags „Soll und Haben“. Er hat es nicht nur in Halbleder gebunden, sondern zusätzlich mit goldenen Lettern verziert. Handwerkskunst in gediegenster Form. - Willi Kröger

27.01.2012 19:10
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