Bei Beerdigungen geht Trend zur persönlichen Trauerfeier. Urnenbeisetzungen haben Erdbestattungen überrundet
Geseke - Das quaderförmige Objekt im Schaufenster könnte fast ein Kunstgegenstand sein. In schlichtem Weiß ist es gehalten. Die einzige Zier sind funkelnde Swarovski-Steine. Auf den ersten Blick in das Fenster eines Geseker Bestattungsunternehmens käme wohl niemand darauf, dass dieses Gefäß die Asche eines Menschen beherbergen soll.
Moderne Zeiten sind im Bestattungswesen angebrochen, individuelle Trauerfeiern, Kreativ-Särge und Designer-Urnen gefragt. „Der Trend geht zur persönlichen Verabschiedung“, sagt Dirk Walter. Der 35-jährige Bestatter ist seit 20 Jahren im Geschäft. Schon mit 15 half er im Familienbetrieb mit, der seit 1894 in Lippstadt besteht. Seit Anfang dieses Jahres gibt es auch eine Filiale in der Bachstraße in Geseke.
Der Beerdigungsablauf „Messe - Friedhof - Kaffeetrinken“ sei nicht mehr das Maß aller Dinge. Auch ein Trauergottesdienst mit Pfarrer würde nicht immer gewünscht. „Die starre Liturgie der Kirche wird speziell von jungen Menschen abgelehnt.“ Zu unpersönlich sei ihnen dieses Zeremoniell. „Ich lebe individuell und möchte auch persönlich verabschiedet werden“, laute die Begründung vieler, die sich für eine private Feier mit Trauerredner entscheiden. Außerdem helfe die Beteiligung am Abschied vom geliebten Menschen bei der Trauerbewältigung.
Wenn nicht-kirchlich organisierte Beerdigung in Geseke auch noch die Ausnahme blieben, ist sich Dirk Walter sicher, dass die Anfrage auf diesem Gebiet steigen wird. Möglich sei auf solchen Trauerfeiern vieles. So erinnert sich der Bestatter an die Beisetzung eines Rockers, bei der „Highway to Hell“ von AC/DC gespielt wurde. Doch nicht nur die Art des Abschiednehmens habe sich geändert, sondern auch die Bestattungsformen. „Die klassische Erdbestattung wird weniger und weniger“, so Dirk Walter. Etwa 65 Prozent seiner Kunden würden sich mittlerweile für eine Urnenbeisetzung entscheiden. „Nach wie vor eine Nische“ sei hingegen die naturnahe Urnenbeisetzung auf einem Waldfriedhof („Friedwald“). Vor allem Menschen, die den Zwängen auf einem konventionellen Friedhof entfliehen möchten, würden sich für diese Form der Bestattung entscheiden. Auch das Pressen der Asche zu einem Diamanten sei nur einmal von einem Lippstädter Kunden angefragt worden. Hierzu wird der Kohlenstoff aus den verbrannten menschlichen Überresten extrahiert und dann unter hohem Druck und hoher Temperatur zu einem Edelstein geformt.
„Die Bestattung ist ein offeneres Thema geworden“, ist auch Kartin Wernze sicher. Die 32-Jährige hat 2009 ihre Ausbildung zur Bestatterin abgeschlossen und ist 2010 in den Betrieb ihres Onkels, des Sargfabrikanten Rainer Hütte, eingestiegen. Waren Bestattungen für das Unternehmen bisher nur ein Nebengeschäft, möchte Wernze diesen Zweig in Zukunft stärker ausbauen.
Dass der Tod nicht mehr so ein großes Tabuthema ist, beobachtet Katrin Wernze auch daran, dass sich immer mehr Menschen für eine Bestattungsfürsorge entscheiden. So kann schon zu Lebzeiten geregelt werden, wie die Beerdigung aussehen soll oder wer die Grabpflege übernimmt. „Außerdem beinhaltet sie auch eine Reise-rückholgarantie im Todesfall“, so Wernze.
Die Auswahl des Sarges, der Urne, der Todesanzeige, des Grabsteines und der -bepflanzung sei individueller geworden. So könnten Angehörige etwa den Sarg des Verstorbenen nach ihren eigenen Vorstellungen bemalen. Diese Form des Abschiednehmens sei in Geseke aber bisher noch nicht vorgekommen. „Es überwiegt weitgehend das Traditionelle“, sagt Wernze. In puncto Todesanzeigen folge man aber auch hierzulande dem Trend zur Individualtität: „Waren die Anzeigen in der Vergangenheit in schwarz-weiß gehalten und lediglich mit einem Kreuz versehen, enthalten sie heute oft das Foto des Verstorbenen oder sind mit Bildern von Sonnenuntergängen oder Waldwegen hinterlegt“, erklärt Katrin Wernze. - diet