LIPPSTADT

Heimlicher Youtube-Star: „Lebenslänglich fürs Kind“

Lippstadt - Heißen Sie Dieter? Dann besteht jetzt Hoffnung. Deutschlands erster Pränominalthera-peut Arthur Jettkowski-Schröder nimmt sich Ihres Leidens an.

„Jeweils eine Woche dauern die vornamenstherapeutischen Gruppenseminare, in denen Menschen, die sich durch ihren Vornamen in ihrer seelischen Entwicklung gestört fühlen, psychologische Hilfe erhalten“, erzählt eine Frauenstimme in einem Fernsehbeitrag. Verzweifelte Männer versuchen mit sich und ihrem Namen ins Reine zu kommen. „Diiieee-taaa!“, schreit einer in die Wildnis. Jettkowski-Schröder stützt ihn. „Hier überträgt sich unwahrscheinlich was an Kraft“, spürt der Experte.

Das Video unter dem Titel „Dieter-Therapie“ ist bei Youtube zum Hit avanciert. Über 700 000 Mal haben die Nutzer es schon angeklickt. Lippstädter erkennen schnell, dass es sich bei dem Therapeuten mitnichten um Arthur Jettkowski-Schröder handelt. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein evangelischer Pfarrer: Christoph Peters aus der Johannesgemeinde. Im Patriot-Gespräch verrät der 53-Jährige, wie er zu seiner zweiten Identität gekommen ist.

Pfarrer Peters, Ihre Eltern haben Ihnen den Namen Christoph gegeben. Sie selbst nennen sich oft Chris. Brauchen Sie einen Pränominaltherapeuten?

Peters: Nein. Mit meinem Namen stehe ich auf gutem Fuße. Das mit dem Chris ist gekommen, weil ich 1982 ein Jahr in England Psychologie studiert habe. Und damals nannte sich jede Catherine Cathy und jeder Jonathan John. Da wurde ich Chris genannt. Das fand ich irgendwie klasse, das ist so hängengeblieben.



Was hat es dann mit einem Youtube-Video auf sich, in dem Sie als ein Therapeut Männer behandeln, die unter ihrem Namen leiden?

Peters: Wir sind eine alte Freundesgruppe aus Bielefelder Schulzeiten, machen seit den 60er Jahren zusammen Musik. Einer von uns, Fritz Tietz, ist freier Mitarbeiter beim Satire-Magazin Extra 3 des NDR. Vor 20 Jahren, als wir wieder mal ‘ne ganze Woche zusammen verbracht haben, hat er uns animiert, das zu drehen. Vieles ist dann aber aus der Gruppe heraus entstanden.

Was war Ihr Anliegen?

Peters: Eine Persiflage auf diese Urschrei-Therapien und was es damals so gab, auf der Grenze zwischen Fake und Reality. In den 80er Jahren war das in Mode: Rebirthing, den Baum umarmen. Ich will nicht alles schlecht machen. Die klientenzentrierte Gesprächstherapie oder die Gestalttherapie zum Beispiel finde ich seriös und verwende sie auch selbst. Trotzdem gibt’s in diesem reichen Baum der Therapien, der sich damals entfaltete, auch Formen, die ganz schöner Humbug sind. Und deswegen wollten wir etwas drehen, wo der Zuschauer sich nicht so ganz sicher ist - und das ist ja bis auf den heutigen Tag der Fall.

Es gibt Leute, die das Video ernst nehmen?

Peters: Bestimmte Leute halten das für völligen Blödsinn, die diese Therapie-Schiene sowieso skeptisch beäugen. Dann gibt es andere, die sehr auf sensitive, kreative Methoden anspringen. Die gucken sich das Video an und finden das gut und merken eigentlich den Fake nicht so. Und dann gibt es diejenigen, die sich unsicher sind. Das wird auch in der Reaktion auf Youtube deutlich. Ein paar Leute, die mich oder andere da identifiziert haben, haben auch schon nach solchen Therapien gefragt.

Ist Ihnen sonst schon mal ein Pränominaltherapeut über den Weg gelaufen?

Peters: Ich hab’ vor kurzem was in der Zeitung gesehen. Es hörte sich abenteuerlich an ... Aber natürlich ist es ein ernsthaftes Anliegen, dass es Menschen gibt, die unter ihrem Vornamen leiden. Ich habe mal mit jemandem gesprochen, der Adolf hieß und darunter gelitten hat. Es gibt nicht wenige Menschen, die zum Beispiel einen Vornamen von ihrem Großvater haben und nun immer daran gemessen werden, dass der jetzt Dr. Soundso war - und nichts lieber wollen, als ihren Vornamen loszuwerden.

Als Pfarrer haben Sie bei Taufen regelmäßig mit Vornamen zu tun. Fragen werdende Eltern Sie schon mal um Rat?

Peters: Selten. Wenn ich Taufen habe, spreche ich aber viel mit ihnen über die Bedeutung des Vornamens, weil ich immer denke: Mensch, man gibt seinem Kind lebenslänglich. Kaum etwas ist so stabil wie der Vorname. Der Nachname kann ja noch mal wechseln und ist auch stärker vorgegeben. Ich staune aber, wie viele Eltern sich überhaupt keine Gedanken darüber machen und einen Vornamen nur nach Klang oder Mode wählen - ohne zu überlegen, was der bedeutet.

Was macht für Sie einen guten Vornamen aus?

Peters: Neben der Bedeutung ist für mich als Musiker der Klang wichtig, auch zusammen mit dem Nachnamen. Wir haben ja bewusst einen traditionellen, einfachen Namen genommen: Warum soll jemand unter Dieter leiden? Und der arme Pränominalthera-peut kriegt den furchtbaren Namen Arthur Jettkowski-Schröder. Ich finde viele dieser Doppelnamen ziemlich gewollt und frage mich, warum Leute das machen. Wahrscheinlich muss das manchmal ein interfamiliärer Kompromiss sein.

In Deutschland darf man seine Kinder auch Pumuckel oder Sundance nennen. Was halten Sie davon?

Peters: Wenig. Ich denke, wer einen Namen gibt, hat eine hohe Verantwortung. Er gibt den manchmal aus einer bestimmten Stimmung in einer bestimmten Zeit, entlässt aber sein Kind damit - und dieses Kind muss nun mit seinem Vornamen klarkommen. Ich finde es zum Beispiel wichtig, dass man die Hoffnung hat, dass Mitschüler und Lehrer einen Namen auch einigermaßen aussprechen können. Sonst tut Kindern das weh. In meiner Gemeinde habe ich viel mit Russlanddeutschen zu tun. Ein Teil von denen bleibt bewusst bei den russischen Formen und andere bemühen sich sehr, daraus was Deutsches zu machen.

Welchen Weg soll man beschreiten? Die Betonung der Wurzeln oder der Integration in die Mehrheitsgesellschaft?

Peters: Es gibt für beides gute Gründe. In unserem Arbeitskreis „Willkommen“ sagen viele der russlanddeutschen Mitarbeiter: Als wir vor 20 Jahren kamen, war unser stärkstes Bestreben, nicht aufzufallen, integriert zu sein, möglichst deutsch zu sein. Und seit zehn Jahren sagen wir wieder selbstbewusst: Wir sind Deutsche, aber mit russischen Wurzeln. Und wir sprechen unsere Sprache wieder und bringen sie unseren Kindern bei.

Mit Namen sind oft Vorurteile verbunden: Maximilian und Sophie gleich Bildungsbürgertum, dagegen Kevin und Chantal gleich Unterschicht.

Peters: Da muss ich Ihnen recht geben. Bestimmtes Bildungsbürgertum würde sein Kind nicht Chantal nennen - jedenfalls nicht in dieser Zeit, vielleicht sieht’s in 15 Jahren anders aus. Und umgekehrt Sophie? Glaube ich auch nicht. Bestimmte Schichten zeigen gerne durch Namensgebung auch eine Zugehörigkeit zu dieser Schicht. Aber zum Glück gibt es Ausnahmen von dieser Regel!

Also sagen Eltern mit der Wahl des Vornamens mehr über sich als über ihr Kind.

Peters: Natürlich. Ich gebe ja den Namen in einem Moment, wo ich fast noch nichts über das Kind weiß. Insofern ist es in Ordnung, ein Stück seiner Hoffnungen, Wünsche und auch Segenswünsche durch die Namenswahl festzulegen. Trotzdem sollen Eltern natürlich das Kind nicht daran binden und in bestimmte Schablonen pressen.

Wovon sollen Eltern sich bei der Wahl leiten lassen?

Peters: Sie sollten vielleicht abgehen von der aktuellen Mode, also einer schlichten Anpassung. Ein Name springt uns oft an. Aber dann fragen wir: Was bedeutet der und passt er zu dem, was ich als Vater oder Mutter zum Ausdruck bringen will, was ich schon auch ein Stück weit an Hoffnungen in mein Kind setze, aber was ich auch füllen kann. Und schließlich die Tradition: Wo kam er in der Geschichte vor und welche Vorbilder gab’s dazu?

Können Sie wenigstens den Dieters aus Lippstadt etwas Trost spenden?

Peters: Ich habe noch keinen Dieter gefunden, der unter seinem Namen leidet. Unser neuer Superintendent heißt auch Dieter.

Wie haben Sie es denn bei Ihren Kindern gehalten?

Peters: Markus, den ersten, haben wir wirklich ganz bewusst auch nach dem ersten Evangelisten benannt. Bei Caroline klang der Name irgendwie gut. Ich vermute, das war unbewusst, denn später fiel mir auf: In der Zeit ihrer Schwangerschaft haben wir ständig Carolinen-Quelle getrunken. - isa

Das Dieter-Video im Internet: http://derpatriot.de

05.04.2012 20:00
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Dieter , 14.12.2015 22:10
Nach 10 Sekunden den Schrott ausgemacht! Aus Langeweile entsteht so ein Film mit der Note 6-
Dieter , Lippstadt 12.12.2015 10:35
Schade um den Strom!
heinrich , verrden 04.04.2015 02:08
Gratulation zum silbernen Ordinationsjubiläum von Christoph Peters!
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