ERWITTE

In fremde Welten entführt werden

Erwitte - Es sind seltsame Fügungen, die einem wie aus heiterem Himmel zufallen und die manches Leben aus den Angeln heben. Cecile, die Heldin aus Jean-Philippe Blondels Roman „6 Uhr 41“ macht diese Erfahrung, als ihr bei einer Zugfahrt ausgerechnet der Mann begegnet, in den sie vor 30 Jahren verliebt war. „Allmächtiger“ denkt sie, sagt aber nichts. Das ist kurz umrissen die Ausgangssituation des 189 Seiten umfassenden Romans, den Birgit Specovius zum Auftakt des Lesefestivals „Erwitte liest“ im Königshof vorstellt.

Ausgerechnet im Trauzimmer liest sie aus einem Buch, in dessen Mittelpunkt eine unglückliche Beziehungsgeschichte steht. Krasser könnte es kaum sein, wenn nicht gerade das Prinzip Zufall am Werke wäre. Der Zufall spielt bei diesem Lesefestival, bei dem 25 Vorleser an sechs Orten Ausschnitte aus ihren Lieblingsbüchern vorstellten, eine besondere Rolle. Sachbücher, Krimis, Romane und Erzählungen bestimmten das Programm.

Dabei konnte es urkomisch zugehen, wie beispielsweise in Douglas Adams und Mark Carwardines Tierreportagen „Die letzten ihrer Art“. Oder man kam einem Verbrechen wie in Oliver de Schaevens Schillerkrimi „Glockenstille“ auf die Spur. Manchmal erwartete den Lesefreund auch anspruchsvolle literarische Kost wie unter anderem in Jean Echenoz’ Buch „14“.

Ein bisschen gleicht es dem russischen Roulette, ob einem ein Buch, eine Lesung oder ein Vortragsort gefällt. Aber genau deswegen ist man ja auch da. Man möchte beim Lesefestival bekannte Orte in einem anderen Gewand erleben. Man möchte sich auf eine Reise in fremde Romanwelten begeben. Und das passiert einem beispielsweise bei Gregor Kempers Lesung aus Sasa Stanisics Roman „Vor dem Fest“. Sein Vortrag hatte alles, was man sich wünscht: Skurrile Figuren, einen Handlungsort, der irgendwo mittendrin zwischen Ostidylle und schierem Alptraum steckt, und eine Sprache, die so hintersinnig ausgefeilt ist, dass es wirklich genau darauf ankommt, wie jedes einzelne Wort betont wird.

Bei Kempers hörspielartigem Vortrag ist das Zuhören eine pure Wonne. Den Witz und die Pointen arbeitet er punktgenau heraus. Alliterationen wie „Wilfried Schramm machen Windräder wütend“ verleiht er die passgenaue Betonung. Und dann ist da noch Schramms spezielle Art des Zigarettenholens. Er zieht sie nicht einfach wie jeder andere aus dem Automaten, sondern rammt mit seinem Feldhäcksler den Automaten so oft, bis dieser von der Hauswand fällt. Kemper zelebriert das Vorlesen.

Ernst geht es dagegen bei Brigitte Sültrops Lesung aus Johanna Adorjáns Roman „Eine exklusive Liebe“ zu. Man ist bei dieser Lesung umzingelt von Brillen in allen Größen, Formen und Farben. Aber man nimmt sie bei der konzentrierten Lesung im gedämpften Licht nur am Rande wahr. Was zählt, ist der ruhige Erzählfluss der Geschichte. Und das sind am Ende die Glücksmomente, auf die man wartet. Man hört ein paar Sätze, es lässt einen nicht mehr los. Am liebsten würde man gleich in die nächste Buchhandlung stürzen, um das ganze Buch zu lesen. Oder aber das Buch steht längst zu Hause im Bücherregal. Und dann greift man danach und liest sich aufs Neue fest. - mes

23.11.2014 19:01
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