Handwerk

Seit 60 Jahren baut er schon den Schützenvogel

LANGENEICKE - Die Stellmacherei ist ein altehrwürdiges Handwerk. Aber sie gehört auch zu denen, die vom Aussterben bedroht sind. Folge des leider nicht immer nur segensreichen technischen Fortschritts. Franz Westermann aus Langeneicke hat diese Entwicklung früh erkannt. Und sich rechtzeitig ein zweites wirtschaftliches Standbein geschaffen. Davon später.

Zunächst einmal geht es um sein angestammtes Handwerk als Stellmacher, also die Herstellung von Rädern, Wagen und anderen landwirtschaftliche Geräten aus Holz. Das hat er beim Vater erlernt und in vierter Generation betrieben. Mit 23 Jahren, nach Kriegsdienst und Gefangenschaft, legt er 1949 die Meisterprüfung ab. Zu dieser Zeit steht das Stellmacherhandwerk noch in voller Blüte. Erst allmählich dringen die Motoren in den landwirtschaftlichen Bereich ein. Franz Westermann bringt das auf eine rustikale Formel: „Mit dem Miststreuer hinterm Trecker ging es bei uns bergab.“ Bis dahin hätten die Mistforken in Menschenhand allerbeste Dienste geleistet.

Mit der Landwirtschaft war der Stellmacher eng verknüpft. „Die Bauern,“ sagt Franz Westermann, „liefen bei uns ein und aus. Dem einen war der Schüppenstiel zerbrochen, beim anderen war die Axt kaputt.“ Keine Frage, auch von solchen Kleinarbeiten lebte der Stellmacher. Sie waren geradezu Teil dieser speziellen Handwerkskultur, zu der auch der regelmäßige Plausch gehörte, zu dem die Bauern in Westermanns Werkstatt kamen, vorwiegend in der kalten Jahreszeit.

Die Winterzeit war die Hochsaison in der Stellmacherei. Da wurden die Ackerwagen gebaut und hergerichtet, die Deichsel und die Gestelle für die Pferde gefertigt. Ob er nicht auch Kutschen gebaut habe, erkundigt sich der Verfasser. „Nein,“ sagt Franz Westermann, „das machten die Karosseriebauer.“ Hingegen kann sich der Langeneicker Altmeister lebhaft daran erinnern, nicht wenige Schäferhütten erstellt zu haben. Und noch immer, trotz seines stattlichen Alters, bereitet ihm besondere Freude das Bauen des Schützenvogels. Den er, ebenso wie seine drei Brüder, fast selbstverständlich auch einmal abgeschossen hat.

Franz Westermann hat sein Handwerk überwiegend allein betrieben. Zeitweise war aber auch ein Geselle eingestellt. Und Lehrlinge gehörten natürlich dazu.

Ein bisschen von der Gemächlichkeit der vergangenen Jahrzehnte zeigt sich in der Art, wie der Meister zu seinem Geld kam. „Rechnungen wurden nur einmal im Jahr ausgestellt.“ Die Anschreibbücher hat er über all die Jahre bewahrt. Er hat sie sogar dem Freilichtmuseum in Detmold überlassen wollen - aber nur leihweise. Abgeben mochte er sie nicht.

Abgegeben hat Franz Westermann hingegen vor einigen Jahren seinen Betrieb. In dem er trotzdem immer noch gelegentlich arbeitet. Mit sichtlicher Freude zeigt er die vier Schilderhäuschen, die Langeneicke im nächsten Jahr anlässlich der 1000-Jahr-Feier gegen die „Außenwelt“ abgrenzen sollen. Er habe sie aber nicht allein gebaut, macht er klar. Gerhard „Bubi“ Scholz sei ihm ein wertvoller Helfer gewesen.

Im Gegensatz zur Bundesrepublik war dem Stellmacherhandwerk in der DDR - nicht umsonst Arbeiter- und Bauernstaat - ein längeres Dasein beschieden. Die vielen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften hatten da mancherlei Bedarf.

Als Franz Westermann den Niedergang seines Handwerks kommen sieht, wagt er den Schritt in einen gänzlich anderen Wirtschaftsbereich. Nach entsprechender Schulung macht er sich selbstständig in der Versicherungsbranche. Dabei ist er dem landwirtschaftlichen Milieu verbunden geblieben.

So kann er ohne Zorn zurückblicken auf eine Zeit, in der die Stellmacherei ein ganz wichtiges Handwerk war. Der 84-Jährige unterstreicht das mit dem Hinweis darauf, dass sein Vater im ersten Weltkrieg nicht eingezogen wurde. Auf den Stellmacher sei in Langeneicke nicht zu verzichten gewesen. - Willi Kröger

06.05.2010 18:30
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