Handwerk

„Sie sahen uns als die Handlanger der Industrie“

ANRÖCHTE - Schneider - gibt’s die noch? „Schon,“ sagt Josef Heuken aus Anröchte, „aber man muss sie fast mit der Lupe suchen. Vorwiegend in den Modezentren sind sie noch vertreten.“ Wohl gebe es vermehrt Änderungsschneider (ursprünglich Flickschneider). Seit 2005 sei das in Deutschland ein anerkannter Ausbildungsberuf.

Als einer dieser Änderungsschneider hat auch Josef Heuken seinen Berufsweg beendet. Der beginnt im Jahre 1949 beim nachbarlichen Meister Busch. Es sei sein Wunschberuf gewesen, bekennt der Anröchter. Ohne jedwede familiäre Vorbelastung. Schon als Kind habe er - unbewusst - wie Gottfried Keller gedacht „Kleider machen Leute“.

Als Geselle arbeitet Josef Heuken in Lippstadt und Arnsberg. Seinen beruflichen Ritterschlag holt er sich 1957 an der Meisterschule in Düsseldorf. Er ist der Einzige, der zunächst als Arbeitnehmer in der Landeshauptstadt auch noch tätig bleibt: „Alle anderen hatten ihren eigenen Betrieb.“

Der junge Meister hat Ambitionen. Will sich in Mönchengladbach in der Textilbranche weitere Sporen verdienen. Wenn da nicht das Heimweh gewesen wäre. Der Haarstrang ruft ihn zurück. Aber er bleibt einige Kilometer weiter nördlich hängen. In Ehringhausen ist gerade ein „Schneidersitz“ frei geworden, und Josef Heuken steigt ein.

Über mangelnde Arbeit kann er nicht klagen. Nicht selten wird er dabei abgelenkt. Wenn nämlich einige Bauern seine Nähstube aufsuchen, um mir „eine Backe voll zu erzählen.“ Oder um sich auch nur zu wärmen. Schön sei sie gewesen, die Zeit in Ehringhausen.

Ins heimische Anröchte kehrt er 1964 zurück und errichtet dort seinen eigenen Betrieb. Arbeitet im Alleingang. Es ist allerdings schon die Zeit, da die Leute mehr und mehr zur Konfektionsware greifen. Und mehr und mehr kürzt oder verlängert auch Josef Heuken Hosenbeine oder Ärmel jener Produkte, die die Menschen bei „Kleine in Lippstadt oder bei C & A in Dortmund“ erworben hatten. Dass er und viele seiner jüngeren Berufskollegen sich dazu bereitfanden, wurde von den Etablierten mit Missfallen bedacht. „Sie sahen uns als die Handlanger der Industrie,“ amüsiert sich der 76-Jährige noch heute. Doch was hätte er tun sollen? Den schleichenden Niedergang seines Handwerks konnte er nicht aufhalten. Eines Handwerks, das erst Mitte des 12. Jahrhunderts entstanden war. Bis dahin wurde Kleidung in Klöstern oder in der Familie selbst hergestellt.

Im Jahre 1970 gelangt Josef Heuken zu der Erkenntnis, dass ein Weitermachen keinen Zweck mehr hat. Er nimmt, in artverwandten Berufen, Stellungen als Arbeitnehmer an. Gern denkt er an die Zeit zurück, da er für die britische Rheinarmee tätig war. „Sehr bald hatten die Offiziere erkannt, dass ich auf meisterlichem Niveau arbeiten konnte. Und so kamen sie nach und nach zu mir, um sich ihre Galauniformen nähen zu lassen.“

Nicht Uniformen, sondern Karnevalskostüme hat er über Jahre in Anröchte gefertigt, sowohl für die Männer als auch für die Frauen.

In seiner guten Zeit hatte der Anröchter Meister immer reichlich zu tun. Manchmal wurde es sogar richtig stressig. Zum Beispiel: Kurz vor Weihnachten wollte eine Kundin unbedingt noch einen Mantel genäht haben. Damit sie in der Frühmesse glänzen konnte. „Was sollte ich tun? Ich musste den ganzen Heiligen Abend durcharbeiten.“ Nicht ungern denkt der Altmeister auch an die ersten Nachkriegsjahre zurück. „Wir mussten flexibel sein. Aus Wolldecken zum Beispiel Mäntel schneidern.“

An einem eindrucksvollen Beispiel macht Josef Heuken klar, warum es mit dem Schneiderhandwerk bergab ging: „Einen Anzug zu fertigen erfordert 40 Arbeitsstunden.“ Da muss man nicht lange rechnen.

- Willi Kröger

12.02.2010 19:19
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