Sieben Stunden Dreh für gut zwei Minuten Sendezeit
Von Henrike Raestrup
Altengeseke - Wir alle kennen sie, wir alle lieben sie - Krimiserien. Aber wie sieht es mit der juristischen Genauigkeit aus? Wie wahrscheinlich und realistisch sind die Kriminalfälle in den Serien, von denen wir uns im Vorabendprogramm oder zur besten Sendezeit berieseln lassen? Die Antwort dafür liefert der gebürtige Altengeseker Georg Hein, der als juristischer Berater für die ARD-Vorabendserie „Heiter bis tödlich“ tätig ist.
Als Amtsrichter fällt er zurzeit am Amtsgericht Warstein seine Urteile. Nebenbei prüft er, ob die Drehbücher der Krimis realistisch und die Vorgehensweisen der Ermittler, Staatsanwälte und Richter juristisch durchführbar wären.
Auf die Frage, wie er zu dieser doch eher ungewöhnlichen Nebentätigkeit gekommen ist, verrät Georg Hein im Gespräch mit dem Patrioten: „Ich spiele in einer Doppelkopfrunde in Soest. Einer meiner Mitspieler ist Michael Gantenberg“. Und der ist der so genannte „Headwriter“ der Krimireihe „Heiter bis tödlich“, insbesondere ihres Ablegers mit dem westfälischen Ermittlerduo „Henker und Richter“. Gantenberg hat seinen Freund, den Amtsrichter Hein, gleich mit ins Boot geholt.
Im Normalfall laufe es so ab, dass sich die Drehbuchautoren schon während des Schreibprozesses mit gebürtigen Altengeseker in Verbindung setzen, um das juristische Procedere möglichst realistisch darzustellen.
Altengeseker liest das Drehbuch
Hinzu kommt, dass er das fertige Drehbuch gegenliest und Anmerkungen hinzufügt. Das Alleinstellungsmerkmal der Serie sieht Georg Hein (Foto) vor allem in der Tatsache, dass es bei „Henker und Richter“ hauptsächlich um das Geschehen im Gerichtssaal geht. Und da kommt der juristische Berater ins Spiel, denn es fange oft schon damit an, dass Drehbuchautoren überhaupt nicht wissen, wie ein Gerichtssaal aufgebaut ist und wie die Anwesenden darin Platz nehmen.
Darüber hinaus sind die Hauptfragen, ob ein Durchsuchungsbeschluss zu einem bestimmten Zeitpunkt denkbar wäre oder wann ein Haftbefehl ausgesprochen werden könnte.
Außerdem haben die Drehbuchautoren Georg Hein einen Besuch abgestattet, als dieser noch im Amtsgericht Lippstadt tätig war: „Dort wurde mir ein wenig über die Schulter geguckt. Auch um den Sittenverfall in den allseits bekannten Gerichtsshows zu vermeiden, legen die Autoren Wert auf Authentizität“.
Der damals behandelte Fall, wenn auch leicht abgeändert, diente übrigens als Vorlage für eine Episode der Serie: „Auch wenn ich heute noch einen Fall sehe, der für die Serie interessant sein könnte, schlage ich ihn den Autoren vor“. Auf die Frage, ob er die ARD-Serie (donnerstags, 18.30 Uhr) denn überhaupt noch gerne gucke, obwohl er die Geschichten ja schließlich schon kenne, weiß Hein eine deutliche Antwort: „Aber natürlich! Den augenzwinkernden Humor finde ich sehr erfrischend. Das Genre nennt sich ja auch ‚Crime and Smile‘ (dt. Verbrechen und Lachen)“.
Zur Belohnung für die Mitarbeit durfte er auch schon einmal als Statist mitwirken: „Sieben Stunden Drehzeit für zweieinhalb Minuten Sendezeit. Es war spannend, aber ich muss es nicht immer haben“, lacht der Amtsrichter über seinen Ausflug ins Filmgeschäft.
Auch TV-Pendant mit Rückenschmerzen
Ähnlichkeiten mit seinem TV-Pendant, dem Amtsrichter Wagenführ, sieht Hein allerdings nur selten: „Als ich letztens Rückenschmerzen hatte und Michael Gantenberg das mitbekam, hatte Wagenführ in einer der Episoden plötzlich das gleiche Leiden. Da musste ich schon schmunzeln.“
Allerdings würde sich Wagenführ in die Ermittlungen einmischen und auch in seiner Freizeit viel über die Fälle reden. „Das ist bei mir überhaupt nicht so. Meinen Beruf führe ich hier aus, im Amtsgericht.“ Alles in allem sei sein Beruf für das Fernsehen sowieso viel zu langweilig. Da kommt eine angenehme Ablenkung in Form von Drehbuchlektüre doch wohl gerade recht.