LIPPSTADT

Süchtige sollen lernen, kontrolliert zu trinken

LIPPSTADT - Neue Wege in der ambulanten Arbeit mit Alkoholkranken gehen die Suchtexperten der Kliniken des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in Lippstadt und Warstein. Die Therapeuten setzen nicht auf gänzlichen Verzicht und lebenslange Abstinenz. Stattdessen soll „kontrolliertes Trinken“ den Betroffenen helfen, mit ihrem Alkoholproblem fertig zu werden. Gestern stellte Sucht-Chefarzt Dr. Rüdiger Holzbach das neue Modellprojekt vor.

Im Blick hat Holzbach jene Menschen, deren Alkoholkonsum als riskant gilt. Bundesweit sind dies nach seinen Worten bis zu acht Millionen Bürger. Nicht geeignet ist das Modell dagegen für bereits abstinent lebende Alkoholkranke oder Menschen mit sehr starken Entzugsbeschwerden.

Als riskant gilt laut Holzbach Alkoholkonsum bei Männern, wenn sie täglich 20 bis 40 Gramm reinen Alkohol konsumieren - was einem halben bis einem Liter Bier entspricht. Bei Frauen ist die kritische Menge halb so groß.

Während sich die Betroffenen als normal erlebten, bemerke das Umfeld sehr wohl Veränderungen. Bei riskantem Alkoholkonsum leiden nach Angaben des Suchtmediziners Einfühlungsvermögen und Mitgefühl ebenso wie Interesse und Freude an gemeinsamen Aktivitäten.

Lange Zeit galt, dass alkoholabhängige Menschen nicht in der Lage seien, kontrolliertes Trinken zu erlernen. „Nur ein abstinenter Suchtkranker ist ein guter Suchtkranker“, war laut Holzbach die Devise. Neue Modelle stießen dagegen auf Unverständnis. So galt der Nürnberger Mediziner Prof. Joachim Körkel, der das Konzept des kontrollierten Trinkens entwickelt hatte, als „verrückter Außenseiter“ (Holzbach). Mittlerweile gebe es zahlreiche Studien, die den Erfolg seines Konzepts belegten.

Die bisherige „klassische“ Behandlung stößt im Übrigen klar an Grenzen: Das Gros der Alkoholkranken wird gar nicht oder nicht früh genug erreicht. „90 bis 95 Prozent der Abhängigen sind nicht in Behandlung“, so Holzbach.

Was ebenso an mangelnder Einsicht liegt wie an der aus Sicht der Betroffenen „wenig attraktiven Aussicht auf lebenslange Abstinenz“. Holzbach: „Für Abhängige ist es nicht vorstellbar, nie wieder etwas zu trinken.“

„Abhängige zu 90 % nicht in Behandlung“

Dagegen sei das neue Modell „zieloffen“, sagt der Suchtmediziner. Der Patient bestimmt selbst das Ziel und legt fest, wie viele Tage pro Woche er abstinent sein und wie viel Alkohol er maximal am Tag bzw. pro Woche trinken will. Was den „Charme“ habe, dass die Betroffenen ein, zwei oder aber alle drei Ziele erreichen könnten - und nicht wie bei bisherigen Behandlungsangeboten gänzlich scheiterten, wenn sie gegen die verordnete Abstinenz verstießen.

Festgehalten wird alles im „Trinktagebuch“, einem Kernpunkt des Projekts. So soll ein veränderter Umgang mit Alkohol eingeübt werden, damit dieser wieder „sozial und gesundheitlich verträglich“ ist. Daneben gehören weitere Bausteine zu dem ambulanten Seminar, etwa zum Freizeitverhalten - Menschen mit Alkoholproblemen neigen laut Holzbach zu gesellschaftlichem Rückzug - oder zum Umgang mit Problemen und (unangenehmen) Gefühlen.

Die zehnteilige Seminarreihe startet am Donnerstag, 5. Februar 2015, in der LWL-Tagesklinik Lippstadt, Am Nordbahnhof 15. Voraussetzung sind ein Vorgespräch sowie die Bereitschaft, sich in der Gruppe offen untereinander auszutauschen. Info und Anmeldung, Tel. (0 29 02) 82 52 02, in der Suchtklinik Warstein. - hei d Land u. Leute

26.11.2014 19:37
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