Handwerk

„Und so fiel doch einmal ein Meister vom Himmel“

LIPPSTADT - Für Angelika Gutsche-Heckmann gab es da nicht viel zu überlegen. Ihr gefiel, was der Vater machte. Der, Rolf Heckmann, befasste sich mit der Reinigung von Textilien. Zunächst in Neheim, später in Lippstadt. Gemeinsam mit seinem Meister und Partner Willi Flesch. Nach dessen Tod führte er den Betrieb allein. Mit Sondergenehmigung, aber ohne Meistertitel. Weshalb Tochter Angelika ihr Handwerk in Hamm erlernte.

Dieses Handwerk - Textilreinigung - erhielt seine heutige Bezeichnung erst vor etwa dreißig Jahren. Bis dahin gingen Reiniger und Färber auf der einen sowie Plätter und Wäscher auf der anderen Seite getrennte Wege.

Der eigentliche Stammbaum der Textilreinigung wurde schon Anfang des 19. Jahrhunderts gepflanzt. Als die Reichen und Mächtigen ihren besonderen Rang auch durch saubere Kleidung unterstreichen wollten. Mit Waschen allein, so die Erkenntnis, war bei hochwertigen Stoffen keine Abhilfe zu schaffen. „Da kam der Zufall zu Hilfe“, sagt Angelika Gutsche-Heckmann. „Ein französischer Färberlehrling warf eine Terpentinöllampe um, die auf ein Tischtuch fiel. Nach der Trocknung stellte der Meister verblüfft fest, dass das Tuch ohne Knitterfalten von seinen vorherigen Flecken befreit worden war.“ Das war die Geburtsstunde der Kleider- und Wäschereinigung heutiger Art.

Bevor sie diesen Hauptzweig ihres Berufes, - neben Waschen, Bügeln, Imprägnieren - weiter erläutert, geht Angelika Gutsche-Heckmann ganz kurz auf die eigenen Anfänge sowie die ihres Vaters ein. Der habe in seinen ersten Jahren noch sehr viel mit Färben zu tun gehabt. Die Färberei hatte nach dem Krieg einen regelrechten Boom. Da fand sich, zum Beispiel, so mancher Uniformrock als „Kolorierter“ (nicht zu verwechseln mit dem einstmals beliebten Verdauungsschnaps) auf dem weihnachtlichen Gabentisch wieder. Heute spielt das Färben so gut wie keine Rolle mehr. Allerdings: Um Meisterin zu werden, 1985, musste Angelika Gutsche-Heckmann zuvor noch ein Jahr in einer Färberei volontieren.

In der Textilreinigung hat das Terpentin, so die Meisterin aus der Rathausstraße, nur für kurze Zeit Bedeutung gehabt. Allzu störend sei der penetrante Geruch gewesen. Deshalb habe man nach Alternativen gesucht. Und schon 1830 entdeckt, dass etwa Benzol kaum riecht und obendrein noch stärkere Reinigungskraft hat. Die Kehrseite allerdings: Es ist sehr feuergefährlich. Und giftig dazu.

Um das Jahr 1960 herum kam ein chemisches Gemisch unter dem Kürzel FCKW auf den Markt. Es galt als umweltfreundlich. Zunächst. Andererseits erkannte man sehr bald seine schädliche Einwirkung auf die Ozonschicht. Also wurde es in den 90er Jahren verboten. „Für mich“, sagt Angelika Gutsche-Heckmann, „kam FCKW ohnehin nicht in Betracht.“ Es verursachte ihr Kopfschmerzen. Aus ähnlichem Grund hätten sich auch viele Monteure geweigert, derartig „kontaminierte“ Maschinen zu warten.

Angelika Gutsche-Heckmann ist nach ihrer Gesellinnenprüfung in den Betrieb des Vaters eingetreten. Seit 1997 führt sie ihn in eigener Regie. Assistiert von Ehemann Willi Gutsche, der allerdings „nur ein Seiteneinsteiger ist.“ Die Firma Heckmann, sagt die Chefin, habe eigentlich über all die Jahre Konstanz bewahrt. Regelmäßig waren und sind so um die zehn Mitarbeiter beschäftigt. Es gebe wohl ein Sommer-Winter-Gefälle. Wegen der Schützenfeste. Uniformen und Ballkleider machten einen wesentlichen Teil der Reinigung aus. Und überhaupt: Sie habe viel mit hochwertigen Textilien zu tun, unterstreicht die 55-jährige „Reinigungsfrau“. Um das ein wenig zu verdeutlichen, verweist sie auf „die gute alte Zeit mit Albert Eickhoff“. Der habe laufend - im Auftrag seiner anspruchsvollen Kunden - bei ihr arbeiten lassen. Kundinnen seien übrigens auch einmal die Kessler-Zwillinge gewesen.

Eine hübsche - und zugleich meisterliche - Notiz am Rande: Angelika Gutsche-Heckmann war früher eine passionierte Fallschirmspringerin. Und nach einem erfolgreich gestandenen Sprung habe es ihr Vater - gegenüber der Presse - zutreffend so formuliert: „Und da fiel doch einmal ein Meister vom Himmel.“

- Willi Kröger

25.11.2010 18:51
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