KULTUR

Von der Hölle ins Paradies

Lippstadt - Wie fühlt sich die Hölle an, und wie um Himmels willen das Paradies? Kaum einer hat das in der Literaturgeschichte plastischer beschrieben als Dante in seiner „Göttlichen Komödie“. Aber kann man dieses poetische Mammutwerk, das über 500 Seiten umfasst, überhaupt in Musik übersetzen? Lässt sich so ein Epos auf eine Aufführungsdauer von zwei Stunden komprimieren?

Um es gleich vorwegzunehmen: Ja, man kann. Die Komponistin und Liszt-Freundin Marie Jaëll hat 18 Klavierstücke „nach der Lektüre von Dante“ geschrieben. Und man erlebt alles: Angefangen von einer aufgewühlt brodelnden Höllenfahrt bis zu sanft wogenden Himmelsklängen.

Jaëlls Komposition hat sich die Pianistin Cora Irsen mit ihrem Programm „Der Dante Code“ in der Reihe „Jakob: Extra“ in der Jakobikirche vorgeknöpft. Korrespondierend dazu liest der Schauspieler Thomas Thieme Ausschnitte aus einer von Gerhard Ahrens bearbeiteten Version von Dantes „Göttlicher Komödie“ vor. Beide Künstler treten im Wechsel auf.

Was der Zuschauer dabei erlebt, ist eine Tour de Force durch die Niederungen von Hölle, Fegefeuer und Paradies. Nicht nur klanglich, auch von der Rezitation her birgt diese musikalisch-literarische Annäherung an Dantes „Göttliche Komödie“ Suchtpotential. Sie reißt einen wie ein Strudel mit in die Niederungen von Dantes Epos.

Alles ist im Fluss

Dabei ist bei diesem Wort-Musik-Programm alles im Fluss. Man merkt zunächst gar nicht, was einem geschieht. Geradezu unspektakulär fängt es an, wie Thomas Thieme den Text mit seiner angekratzt-rauchigen Stimme präsentiert. Als Schauspieler nimmt er sich dagegen ganz zurück. Er schwingt sich nicht in irgendeine Pose. Er braucht für seine Lesung auch kein ausgefeiltes Mienenspiel. Was zählt ist allein die Art der Betonung, die sich ganz dem Rhythmus von Dantes Dichtung unterordnet. Thiemes Rezitation ähnelt nahezu einer Bibellesung in der Kirche. Man hört zunächst ein paar Sätze aus dem Anfang dieses epochalen Werks, wo sich Dante auf seinem Weg in die Hölle in einen finsteren Wald wiederfindet.

Genau an diesen ersten kurzen Einstieg knüpft Irsens Klavierspiel an. Ruhig folgen anfangs die Töne aufeinander, doch es brodelt. Und dann brechen die kraftvollen Töne hervor und ergreifen zunehmend den Raum. Aufgewühlt und expressiv klingt dies, bis ihr Spiel abebbt und Thieme wieder am Zug ist. Er beschreibt, wie Dante mit seinem kundigen Führer Vergil die Hölle erforschen, wo die Leute mit Kot befleckt sind und wo die Glut auf den Sand wie Schneeflocken hinabsinkt.

Thieme lässt den Zuschauer die ungeheure Kraft dieser Dichtung spüren. Er kitzelt alles bildstark aus der „Göttlichen Komödie“ heraus. Und Irsen führt das fort, indem sie ihr unruhig-expressives Spiel weiter hochschraubt und dann, kurz bevor es nicht mehr auszuhalten ist, in leise, zarte und sanfte Klänge überführt. Ruhig perlen die Töne, die so ungeheuer klar und kraftvoll sind. Es klingt als würden erst ein paar Schneeflocken und später dann ein Feuer speiender Flammenregen zu Boden prasseln.

Höchst konzentriert geschieht dies bei der Aufführung. Von der Hölle geht es dann geradewegs hoch zum Fegefeuer und schließlich zum Paradies. Der „weiße Glanz des Himmels“ hat das erzählende Ich aus Dantes „Göttlicher Komödie“ aufgenommen. Entsprechend wandelt sich Irsens Klavierspiel, das entspannt und ganz leise weich daher kommt. Nur langsam lässt sie Ton für Ton aufeinander folgen. Es ist, als würde sie bei ihrem Spiel jeder einzelnen Note nachspüren, so als hielte sie eine Zwiesprache mit dem Flügel. Sie zu beobachten, fasziniert, so wie überhaupt dieser Wort-Musik-Vortrag eine ungemeine Faszination ausübt. - mes

01.09.2014 19:14
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Brigitte , Dessau-Roßlau 01.09.2014 21:26
Ich hörte das gleiche Konzert in Weimar und kann nur bestätigen, was Ihre Zeitung schreibt: Die beiden Künstler, Cora Irsen und Thomas Thieme, haben es vermocht, dem für uns spröden Stoff der "Göttlichen Komödie" eine Spannung und Plastizität zu vermitteln, deren Eindringlichkeit noch lange nachklingt.
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