Westereiden: Nach den Steinbrüchen kamen die Neubürger
Neues Bauland lockte viele Menschen aus dem Ruhrgebiet nach Westereiden. Ort hat eine starke Vereinsszene - sogar mit närrischem Einschlag
WESTEREIDEN - Die Felsenstraße bildet eine eher abgelegene Ecke des Dorfes Westereiden, betrachtet man es von der St.-Georgs-Kapelle aus. Dennoch vereinigt das Neubaugebiet gleich mehrere Umstände, die den Rüthener Ortsteil geprägt haben. Zum einen, wie der Name schon sagt, die Felsen. Zum anderen einen enormen Bevölkerungszuwachs, der das Gefüge des Ortes nachhaltig veränderte.Man darf den Begriff Neubaugebiet allerdings nicht so wörtlich nehmen. 1967, als der Bruch „Pieper und Wegener“ als letzter von fünf Steinbrüche schloss, kam man überein, in einem von ihnen Bauland auszuweisen. Das war gut überlegt, stand doch der Bau der Autobahn 44 kurz bevor. „Damals kostete der Quadratmeter Bauland zwei Mark, an einer Böschung nur eine Mark“, erinnert sich Josef Holle während der Patriot-Bürgerversammlung. Der Bevölkerungsentwicklung tat das gut: Aus dem Ruhrgebiet kam so mancher, der sich auf dem Land einrichten, die gute Erreichbarkeit seines Arbeitsplatzes aber nicht missen wollte. Auf knapp 500 Einwohner stieg die Zahl der Westereider nach einigen Jahren an. „Wir hätten damals sogar eine eigene Auffahrt kriegen können, aber das wollte man nicht“, blickt Ortsvorsteher Antonius Krane zurück. „Sonst hätten wir hier bestimmt ein eigenes Industriegebiet“. Ob so viele Neubürger nicht die Dorfgemeinschaft durcheinanderwirbeln? „Viele machen bei den Veranstaltungen mit. Manche sieht man aber nicht“, weiß Krane.Die Gaststätte Klegraf und das Lebensmittelgeschäft Wicker sind den Bewohnern des nördlichsten Ortes der Großgemeinde Rüthen wichtig. Mindestens ebenso wichtig wie die Vereine. Neben dem Schützenverein St. Georg, dem Spielsmannszug, der Theatergruppe und dem Verein für Heimatpflege, der aus den Vorbereitungen für die 750-Jahr-Feier vor zwei Jahren hervorgegangen ist, findet sich hier noch eine Kuriosität. Gemeint sind die beiden Karnevalsvereine, wie sie nördlich der Haar kaum gibt. Dem Karnevalsverein Westereiden, KVW, steht zur Pflege närrischer Traditionen auch der Jungkarnevalsverein JuKaWe zur Seite. Ihren Schwerpunkt legen sie auf den Straßenkarneval. Denn eine Sitzung kennt man nicht. Dafür sind die Narren fleißige Wagenbauer und ergänzen stets den Rüthener Rosenmontagsumzug. Eine Anekdote belegt, wie der närrische Geist 1977 über die Haar schwappte: Die Westereiderin Eva Stemann wurde damals Prinzessin in Rüthen und begeistert wurde für sie ein Wagen gebaut. Weil es so schön war, im nächsten Jahr gleich wieder. „Und was zum zweiten Mal passiert, ist Tradition“, lacht Martina Gottbrath.Die Schützen sind aus dem Dorfleben nicht wegzudenken. Das wird spätestens mit Blick auf das nächste Jahr deutlich: Die St.-Georg-Schützen wurden nämlich 1859 gegründet und feiern im nächsten Jahr groß ihr Jubiläum. 20 Gastvereine werden zum Schützenfest erscheinen, zwei Wochen zuvor findet ein Kaiserschießen mit 40 Königen statt - genauso wie schon vor 25 Jahren. Eine Festschrift ist auch schon in Planung.Apropos Festschrift: Ein sehr gelungenes Werk über den Ort hat der Förderverein Heimatpflege und traditionelles Brauchtum zum 750-jährigen Bestehen des Dorfes herausgebracht und sich viel Arbeit mit alten und neuen Ansichten Westereidens gemacht. Der Förderverein funktioniert gut, „das lassen wir weiterlaufen“, versichert Krane.Überhaupt läuft der Zusammenhalt gut. Mit anzufassen, wenn es gilt, in Eigenleistung etwas für das Dorf zu tun, ist für viele Bewohner selbstverständlich. Anfang der 90er Jahre wurde der Dorfbrunnen errichtet und auch die Georgs-Kapelle wurde mit viel Eigenleistung vor einigen Jahren wieder hergerichtet. Jüngstes Werk ist der Spring in der Nähe der Vogelstange. Der „Saunaclub“ hat ihn im Sommer hergerichtet. Früher wurden im Wasser der ergiebigen Quelle die Wäsche gewaschen oder die Schafe getränkt. Heute liegt die Stelle „an der Flaniermeile nach Hoinkhausen“ und ist seit kurzem „eine schöne Ecke“, sind sich alle sicher.Weil Westereiden niedrig liegt, wird Wasser aber gelegentlich zu einem Problem. Ein großes Rückhaltebecken schützt zwar weiter nördlich gelegene Gefilde vor drohenden Fluten - dennoch sind die Kanalrohre des Ortes bei starken Niederschlägen überlastet. Darum hofft der Ortsvorsteher, dass es irgendwann gelingen wird, ähnlich wie bereits in Oestereiden das Wasser vor dem Ort abzufangen und direkt in Richtung Kläranlage abzuleiten. fred