Handwerk

Wie aus der Dorfschmiede ein Industriebetrieb wurde

LIPPSTADT - Dies ist ein eindrucksvolles Beispiel für die Entwicklung eines Handwerksbetriebes aus kleinsten Anfängen bis hin zu einem mittelständischen Industrieunternehmen. Eine Entwicklung, an der Rudolf Hinken den maßgeblichen Anteil hat. Bis heute, obwohl er offiziell die Führung seinen beiden Söhnen übertragen hat. Doch noch immer ist er die „Seele des Geschäfts“.

Der Anfang lag im Jahre 1871, als Fürst Bismarck gerade mit eiserner Faust das deutsche Kaiserreich geschmiedet hatte. In dieser Zeit machte sich in Bökenförde ein Schmied der eigentlichen Art daran, sich sein kleines berufliches Reich zu schaffen. Ihm genügten dazu die starken Arme eines westfälischen Handwerkers.

Bei den Schlossherren auf Schwarzenraben war Anton Wiese in Diensten gewesen. Bis sich in Bökenförde die Möglichkeit zum Erwerb eines eigenen Betriebes bot. Arbeit gab es in reichem Maße. Die Landwirtschaft stand in voller Blüte, und der Bedarf an entsprechendem Gerät war groß. Anton Wiese stellte Eggen, Pflüge und Ringelwalzen her. Und er sorgte dafür, dass die Pferde „in die Hufe kamen“.

Nach seinem frühen Tod übernahm Schwiegersohn Rudolf Hinken, Vater des heutigen Seniorchefs, den Betrieb und führte ihn in hergebrachter Weise weiter. Einerseits. Aber er ging auch neue Wege. Indem er landwirtschaftliche Fahrzeuge baute. Die ersten gummibereiften Anhänger im hiesigen Bereich habe sein Vater auf den Markt gebracht, sagt Sohn Rudolf. Der hatte schon frühzeitig den weiteren Ausbau des Betriebes im Auge. In Erwitte erlernt er den Beruf des Landmaschinenmechanikers, in dem er 1975 die Meisterprüfung ablegt. Zudem erhält er die Erlaubnis, auch den Titel des Schlossermeisters zu führen. Und auch zu seiner Zeit hat das klassische Schmiede-Schlosser-Handwerk noch goldenen Boden. Noch immer bilden die Herstellung landwirtschaftlicher Geräte und der Bau von Stalleinrichtungen die Haupteinnahmequelle.

An diese Zeit hat Rudolf Hinken noch einige amüsante Erinnerungen. Wie an seinen ersten und zugleich letzten Versuch, sich mit dem Beschlagen eines Pferdes zu befassen. Er ist gerade 17 Jahre alt und muss für den erkrankten Vater zuhause aushelfen. Muss bei dem „fußkranken“ Pferd das Bein halten. Was zur Folge hat, dass er mit einem Tritt ein für allemal „aus der Bahn geworfen“ wird. „Ich packe die Ziegenböcke nicht mehr an,“ so sein damaliger Wutschrei.

Braucht er auch nicht, denn er hat ohnehin die Zeichen der Zeit erkannt. So dass er sich mehr und mehr auf eine weitergehende Metallverarbeitung verlegt. Auf die Zulieferung für die Industrie zum Beispiel. „Etwa 30 Jahre,“ erklärt er, „haben wir für die Firma Schieffer und Co. gearbeitet. Auch der Bau von Anhängern nimmt einen wesentlichen Platz in der Produktion ein. Und für eine ganze Reihe von Kläranlagen, von Ostwestfalen bis Luxemburg, haben sie die Schlosserarbeiten gemacht. An diese Aufträge, räumt er schmunzelnd ein, sei er auch durch ein wenig Glück gekommen. Aber nicht nur. Denn dass sich zu dem ersten Auftraggeber in Bielefeld eine Partnerbeziehung auf gegenseitiger Sympathie entwickelte, lag wohl auch an seinem seriösen Angebot. Nach diesem geschäftlichen Anfangserfolg standen ihm weitere Türen offen.

Rudolf Hinken blickt noch einmal zurück. Die alte Schmiede in Bökenförde, nach der heute die Straße benannt ist, wurde 1956 aufgegeben. Zugunsten eines Neubaus in der Dorfmitte.

Mit dieser Werkstatt verbindet ihn noch manche zum Idyll verklärte Erinnerung. Sie sei, so der 63-Jährige, ein echter Dorftreff gewesen. Oft, wenn sich die Bauern dort zum Wärmen versammelt hatten, habe ihn der Vater zum Gastwirt Donner geschickt. Schnaps holen. Und der sei dann in der Schmiede reihum „verkümmelt“ worden.

So schön es auch war - auf Dauer werden die Verhältnisse in Bökenförde ein wenig beengt. Die Firma zieht um zur Welserstraße in Lippstadt. 1986 kommt es zum Bau der ersten Halle. Zwei weitere folgen in kurzen Abständen. Eine kontinuierliche Entwicklung. Keine Rückschläge? „Doch“, sagt der Altmeister, „die jüngste Wirtschaftskrise hat auch uns berührt.“ Von 45 Leuten bis auf 20 sei die Belegschaft geschrumpft.

Doch ansonsten vertraut er auf die gesunde Basis. Darauf, dass die Söhne, beide Diplomingenieure, das Werk zumindest erhalten werden. Für sich selbst hat er einen bescheidenen Wunsch: „Mit 65 Jahren möchte ich nicht mehr morgens um sechs Uhr raus.“

26.08.2010 18:47
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Heinz , Clifton Beach, Qld. Australia 18.01.2012 05:44
Hi Rudi, Netter Artikel. Habe mich auch wieder an unsere schoenen Zeiten in Boekenfoerde erinnert. Werde versuchen Dich telefonisch zu erreichen. Gruss, Heinz
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