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KULTUR
Zu Tisch, bitte!

LIPPSTADT - Nein, es ist nicht wie in Stuttgart. Gerade mal fünf Leute waren da, und besonders willkommen gefühlt hat er sich auch nicht, dabei hatten sie ihn ja eingeladen. „Stuttgart, nie wieder, auch privat nicht!“, sagt Jo Fischer und formt mit den Fingern ein Kreuzzeichen, um die bösen Geister der Schwabenmetropole abzuwehren.

Doch hier ist alles anders. In der Provinz, ausgerechnet. Lippstadt ist die 13. Station. Gestern war er in Münster. Morgen kommt Braunschweig und zum Abschluss Bremen. 80 Leute haben sich im Vereinsheim des 1. Lippstädter Spaßvereins in der Cappelstraße versammelt. Denn „Herr Fischer bittet zu Tisch“.

So heißt das Projekt, mit dem der Berliner Fotograf seit zwei Wochen auf Tour ist. Den Tisch hat er immer bei sich. 1000 Leute will er an dem schmalen Möbelstück fotografieren. Immer aufgenommen aus derselben Perspektive, mit demselben Licht und demselben Hintergrund. Mitmachen kann jeder, der will, einzige Bedingung: Kein besonderes Styling für die Kamera. Die Leute sollen sich so zeigen, wie sie sind.

Und das tun sie auch in Lippstadt. Die große Resonanz hat die Gastgeber selbst überrascht. Der Spaßverein ist mit rund 20 Mitgliedern vertreten. Aber auch zahlreiche Freunde, Bekannte und Verwandte sind gekommen, andere haben von der Aktion einfach nur in der Zeitung gelesen.

Sie alle setzen sich an Fischers Tisch: das schüchterne Mädchen mit der Zahnspange, die junge Frau mit dem kessen T-Shirt-Spruch „Tätowierte ficken besser“, der heimische Fotograf, der seine eigene Kamera zum Fachsimpeln mitgebracht hat und der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Eike Hovermann. „Es kann so einfach sein in Lippstadt manchmal“, meint eine Frau, die das Shooting vom Tresen aus verfolgt.

Am Anfang steht das persönliche Gespräch

Jo Fischer kniet auf der anderen Seite des Tisches. Graues Mützchen auf dem Kopf, Fluppe, Feuerzeug und Cola in Griffweite. „Na, wo bist du denn wech?“, fragt der vollbärtige Berliner. „Kommst du auch aus Lippstadt?“ Er spricht mit leiser, warmer Stimme, schafft mitten im Trubel eine intime Atmosphäre.

Es ist ihm wichtig, etwas über sein „Model“ zu erfahren, eine persönliche Beziehung aufzubauen. Schließlich sollen sich die Menschen am Tisch ganz natürlich geben. „Es geht mir um die Gestik und die Haltung, die ganz eigene Körpersprache“, sagt der Fotograf.

Er drängelt nicht, wie lange das Gespräch dauert, hängt von jedem selbst ab. Das längste hatte er in einem Braunschweiger Obdachlosenheim. Zwei Stunde hat sich da einer mit ihm unterhalten, hat ihm erzählt, wie dem Suff verfallen ist und alles verloren hat. „Der hat sonst keinen zum reden“, sagt Jo Fischer. „Und auch für mich war es unheimlich lehrreich von Leuten zu erfahren, wie sie so geworden sind.“

Nach seiner Tour durch 15 Städte will er deshalb nach Möglichkeit in Hospizen, Altenheimen und Justizvollzugsanstalten weitermachen. Dabei hat alles eher als Spaßaktion angefangen. Früher war Jo Fischer Rockmusiker, zog 16 Jahre lang mit Rockabilly- und Punkrockkapellen durchs Land. Dann orientierte er sich um, wurde Mediengestalter. Doch zwei Jahre und einen Burn-out später musste er sich wieder neu erfinden und entdeckte seine Leidenschaft für die Fotografie.

Heute ist er unter anderem Haus- und Hof-Fotograf der erfolgreichen Mittelalter-Rocker Corvus Corax. Ganz nebenbei lichtete er irgendwann bei sich zu Hause auch Freunde und Bekannte an seinem Tisch ab, stellte die Bilder ins Netz — und wunderte sich über die Resonanz, „Plötzlich meldeten sich per E-Mail Leute bei mir, die ich gar nicht kannte, und wollten auch fotografiert werden“, sagt er.

Also entschloss er sich, aus der skurrilen Idee eine groß angelegte Benefizaktion zu machen. Die Idee schlug sofort ein wie eine Bombe. Allein in Hamburg wollten sich 240 ablichten lassen, in Berlin waren es 180. „Das ist ein völliger Selbstläufer geworden, der absolute Wahnsinn“, meint der Fotograf.

Erlös geht an die Kindernothilfe

Bei jedem Shooting steht eine Sammeldose der Kindernothilfe parat. Am Ende sollen ein Bildband und ein Poster entstehen, der Erlös ist ebenfalls für die Hilfsorganisation gedacht. Außerdem denkt er schon über einen Roman nach, in dem er seine Begegnungen und Erlebnisse verarbeiten will.

Der alte Volvo, mit dem er und seine Praktikantin Finja seit zwei Wochen von Shooting zu Shooting fahren, den Tisch und die Kamera, will er später versteigern. Doch für die nächsten Tage braucht er das Auto noch.

Ein Kanister für Benzinspenden steht auch in den Räumen des Spaßvereins bereit, doch heute will Fischer nicht offensiv um Unterstützung in eigener Sache bitten. Die Gastgeber haben für alles gesorgt, Hotel und Benzingeld inklusive. Lippstadt ist halt nicht Stuttgart. Und manchmal ist das sogar gut so. - bal

http://jofischer.squarespace.com

30.11.2010 19:32
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  , 01.12.2010 21:11:59
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