KULTUR

„Diese Welt ist nichts für uns“

Von Andreas Balzer

LIPPSTADT    Der Krieg ist nicht vorbei. Er findet nur anderswo statt. 72 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zum Beispiel in Syrien, der Ukraine und Myanmar. Insofern ist die „Trümmerliteratur“ der Nachkriegszeit vielleicht sehr viel aktueller, als man auf den ersten Blick meinen könnte.

Darauf weißt gleich zu Beginn Dr. Hans-Gerd Koch hin. Bevor Günter Lamprecht und Claudia Amm aus Heinrich Bölls erstem Roman „Der Engel schwieg“ (1949/50) lesen, führt der Literaturwissenschaftler in den Wortfestival-Abend ein. Allerdings nicht in Form eines Referats, wie es in der Vorankündigung zu lesen war. Sondern mit einer weiteren Lesung, und zwar von Bölls programmatischem „Bekenntnis zur Trümmerliteratur“ (1952).

Eine sehr sinnvolle Ergänzung, die die Ohren öffnet für den folgenden Text, auch wenn der etwas predigthafte Rezitationsstil die eh schon erhebliche Schwere des Abends noch einmal unnötig erhöht. Etwas mehr Nüchternheit hätte der Sache vielleicht gut getan.

Zum Übergang erklingt Lilian Harveys Filmschlager „Guten Tag, liebes Glück“ aus dem Jahr 1939 als eine Art Schwanengesang einer sterbenden Welt.

Auch für Hans Schnitzlers Mutter zerbricht 1939 die letzte Illusion eines friedlichen Lebens — und zwar mit einer Postkarte. Günter Lamprecht und Claudia Amm haben eine eigene Lesefassung von Bölls erst 1992 posthum erschienen Romans erstellt. Dem im zerbombten Köln des Jahre 1945 angesiedelten Anfang haben sie das zweite Kapitel als Prolog voranstellt. Darin wird in einer Rückblende erzählt, wie Hans seine Einberufung bekommt. „Er schlief lange an diesem Tage, es war der erste seines Lebens, wenn man es Leben nennen konnte: Bis dahin war alles Schule gewesen, Schule, Armut, Lehrlingszeit, Qual, und am Tage vorher hatte er endlich seine Gehilfenprüfung bestanden und Urlaub genommen ...“

Es soll für lange Zeit auch der letzte Tag seines Lebens sein. Die eigentliche Geschichte setzt ein, als der desertierte Hans im Mai 1945 mit falschen Papieren in seine zerbombte Heimatstadt zurückkehrt. Eher zufällig lernt er die junge Regina kennen. Er ist Witwer, ihr Säugling wurde versehentlich von Deutschen in den Gefechten der letzten Kriegstage erschossen. Beide hatten in ihrem Leben jeweils nur eine Liebesnacht. „Diese Welt ist nichts für uns“, sagt Regina. Und trotzdem finden beide gemeinsam langsam ins Leben zurück.

Die Lesung konzentriert sich ganz auf diese spröde erzählte, von allen aufschäumenden Gefühlen befreite Liebesgeschichte. Der zweite Erzählstrang, in dem es um die reiche Witwe Gompertz geht, die daran gehindert wird, ihr Vermögen karitativ einzusetzen, bleibt völlig außen vor. Der Geschlossenheit des Abends kommt das sehr zugute.

Der zurückhaltenden Erzählweise entspricht die betont reduzierte Darbietung. Lamprecht und Amm sitzen an zwei Tischen nebeneinander und lesen abwechselnd. Erst kapitelweise, später, vor allem bei den Dialogen von Hans und Regina, im ständigen Wechsel. Das Licht ist stark gedimmt, vor allem im Hauptteil ab 1945.

Die beiden Schauspieler sind nur schemenhaft zu sehen. Das passt gut zu der im Text geschilderten Wirklichkeit, in der die Lebenden wie Gespenster durch die Welt schleichen. Im Hintergrund ist eine gewaltige Projektion der zerstörten Kölner Innenstadt rund um den Dom zu sehen. Ein Gebäude erinnert, sicher zufällig, an ein Hakenkreuz.

Lamprecht und Amm lesen ruhig, unaufgeregt, teilweise fast verhalten. Gerade dadurch entsteht eine ganz besondere Intensivität, die den Abend zu einem berührenden Erlebnis macht.

13.09.2017 19:26
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