Tornado hinterlässt in Lippstadt eine Schneise der Verwüstung

von Redaktion am 20. Mai 2022 21:35 Uhr Lippstadt -  Lesezeit 4 min

Lippstadt – „Es ist der Wahnsinn“, sagt Silvia Suntinger ungläubig. Zusammen mit ihren Kollegen vom Twenty One steht sie vor dem Restaurant auf dem Rathausplatz. Vor wenigen Minuten hat hier ein Tornado eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Tische und Stühle fliegen durch die Luft: „Wir mussten die Tür zum Restaurant zudrücken.“ Und dann fällt sie – die Eiche vor der Marienkirche.

VON CAROLIN CEGELSKI
UND STEFAN NIGGENABER

Der Ton des Martinshorns ist an jeder Straßenecke in der Stadt zu hören, Blaulichter flackern. Die Lange Straße ist voller Scherben: Rote Dachziegel ebnen den Weg zum Rathausplatz. Menschen mit gezückten Handys sind stehen geblieben, gucken ungläubig auf die umgestürzte Friedenseiche, die mitten auf dem Rathausplatz liegt – ihre stattlichen Wurzeln ragen in die Luft. Gastronomen sichern Tische und Stühle. Das Aufräumen hat hier schon begonnen.

„Es waren Sekunden: ein Horrorszenario“

Auf der Marktstraße zeigt sich das Ausmaß des Wirbelwinds. Umgestürzte Bäume und Dachpfannen säumen den Weg. Die Schaufensterscheiben der Volksbank-Filiale – es gibt sie nicht mehr. Auch beim Bäcker nebenan ist die Scheibe hin. Mit Besen, Kehrblech und Schubkarre machen sich die Anwohner ans Aufräumen: Ärmel hochkrempeln, anpacken. Auf dem Marktplatz hat es einen grünen Altkleidercontainer umgehauen, Autos sind unter Bäumen begraben.

„Es waren Sekunden“, sagt Melina Cicak. Die Inhaberin eines Kosmetikstudios an der Marktstraße hat gerade eine Kundin behandelt, als das Unwetter die Lippstädter Innenstadt trifft. „Die Bäume flogen, es schepperte, es ist unfassbar“, sagt sie. „Ein Horrorszenario.“ Mit dem Besen kehrt sie herabgestürzte Dachziegel auf dem Bürgersteig zusammen. „Gott sei Dank waren hier keine Menschen unterwegs – die Straße war wie leer gefegt.“

„Presse? Gehen Sie mal zur Friedrichschule“, sagt ein Passant. „Da sieht es richtig schlimm aus.“ Auf der Cappelstraße flackert das Blaulicht der Feuerwehrautos, die Kettensägen kreischen. Das Technische Hilfswerk bahnt sich mit schweren Fahrzeugen einen Weg zum Einsatzort. Auch auf der Cappelstraße ein Bild der Verwüstung: Wo anfangen? Am Ostendorf-Gymnasium hat die Alarmanlage ausgelöst. Der monotone Ton begleitet die Aufräumarbeiten im Chaos.

120 Badegäste evakuiert

Vor dem Cabrioli steht Bianca Drees mit ihren Töchtern. Sie haben im Bad an der Bückeburger Straße den zehnten Geburtstag von Tochter Hannah gefeiert, die Haare sind noch feucht. Es musste schnell gehen. „Wir haben das Dach schon fliegen sehen“, sagt die Mutter. „Es war ein komisches Geräusch. Das geht durch Mark und Bein. Viele haben sich erschrocken.“ Zusammen mit 120 Badegästen wird die Familie evakuiert. „Sicherheit geht vor“, sagt Bianca Drees. Die Einsatzkräfte der Lippstädter Feuerwehr ziehen derweil an der Preußenstraße einen Baum vom Vordach eines Mehrfamilienhauses. Zeit zum Durchschnaufen bleibt nicht. Weiter geht’s: Der nächste Einsatz wartet. Bianca Drees und ihre Töchter haben derweil noch ein Lob für das Cabrioli-Team: „Sie haben die Situation gut gehändelt und waren sehr umsichtig.“

Kaputte Autoscheiben, Schlamm-Spritzer an Hauswänden und -türen, abgedeckte Dächer: Am Jahnweg räumen die Nachbarn auf. „Nehmen wir es mit Galgenhumor“, sagt ein Mann. „Crime Scene – do not cross“ – mit gelben Absperrband hat die Polizei die Beckumer Straße gesperrt: Autos kommen hier nicht durch.

Schaufenster in Scherben

Die Fahrer versuchen es trotzdem. Eine Polizeibeamtin bittet sie umzudrehen. Sie kämen eh nicht durch. Die Gaststätte Europa – sie ist fensterlos. Im Inneren steht das Wasser. Eimerweise kehren Helfer die Scherben von der Straße. Ein abgerissener Ampelkopf liegt auf dem Bürgersteig.

Die Friedrichstraße ist vor lauter Bäumen nicht mehr zu sehen. „Die schönen Bäume“, sagt eine Passantin, die just zum Klassentreffen im Evangelischen Gymnasium war. Auch dort habe das Unwetter gewütet, uralte Bäume entwurzelt, die schon groß waren, als sie dort 1972 zur Schule ging. Auf der Baustelle an der Stiftsmühle hat es einen grauen Container umgerissen. Ein alter, efeuberankter Rauchschlot an der Burgmühle ist abgebrochen.

Auf der Cappelstraße ist die Feuerwehr immer noch im Einsatz: Dort drohen Dachpfannen auf die Straße zu stürzen – Lebensgefahr. Das möchte nicht jeder Passant einsehen. „Wir hatten bisher noch keinen Verletzten, jetzt müssen sie nicht der erste sein“, erklärt ein Feuerwehrmann einem Fußgänger mit Nachdruck. Der junge Mann geht schulterzuckend weiter. Die Gefahr von oben hat er nicht erkannt. Die Straße wird mit rot-weißem Flatterband abgesperrt.

Kuh irrt über Straße, Kirchturm weggefegt

Apokalyptische Szenen derweil auch in Hellinghausen. Sirenen heulen, Kettensägen kreischen. Menschen stehen fassungslos auf den Straßen und weinen angesichts der Bilder, die sich ihnen gerade bieten: Vom Dach der St.-Clemens-Kirche ist nicht mehr viel übrig. Das Turmdach liegt komplett daneben, das Dach des Schiffes steht versetzt auf der Kirche. Unwirkliche Bilder.

Der Hellinghäuser Weg wenige Meter weiter ist komplett dicht. Überall liegen Bäume. Überall. Eine Kuh irrt über die Straße, wirft desorientierte Blicke in die paar wenigen Autos, die hier überhaupt noch fahren (können).

Ortsvorsteher Thomas Stuckenschneider ist schockiert, krempelt die Ärmel hoch, wie die vielen, vielen freiwilligen Helfer drumherum. „Wahnsinn“, sagt er. „Wahnsinn ist aber auch, was hier gerade passiert. Alle packen mit an. Das ganze Dorf hält zusammen. Ein großes Dankeschön an alle Helfer.“

Malu: Es ist unfassbar was passiert ist in lippstadt also ich bin sehr traurig darüber weil mein Elternhaus auch betroffen war aber wenn ich sehe was überall noch gemacht werden muss macht fassungslos

22.05.2022 14:26 Uhr