Lippstadt Aus dem Gericht

Prozess in München: Lippstädter (27) Teil einer Schockanruf-Bande, 900.000 Euro ergaunert

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Von: Tom Sundermann am 6. August 2026, 17:06 Uhr

6. August 2026, 17:06 Uhr

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Lippstadt / München – Ein Mann aus Lippstadt war Teil einer Bande, die Senioren in ganz Deutschland mit einem Telefonbetrug um Hunderttausende betrog. Jetzt steht der 27-Jährige in München vor Gericht – dort in der Nähe ging die Masche schief.

Als seine Familie auf den Zuschauerplätzen im Gerichtssaal Platz nimmt, beginnt der Mann auf der Anklagebank zu weinen. Er schäme sich sehr, sagt der 27-Jährige später, und dass ihm „unfassbar leid“ tue, was er getan habe. Der Angeklagte, der bis zu seiner Festnahme vor einem Jahr in Lippstadt gewohnt hat, muss sich seit Donnerstag vor dem Landgericht München II verantworten. Dort in der Nähe wurde er festgenommen, weil er Teil einer der berüchtigten Schockanruf-Banden gewesen sein soll.

Die Gruppe erbeutete innerhalb von nur gut einem Monat mehr als 900.000 Euro von Senioren in ganz Deutschland – eine der höchsten Schadenssummen der vergangenen Jahre. Ihm droht, das steht nach Beratungen zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und dem Vorsitzenden Richter Thomas Lenz fest, eine Strafe von rund fünf Jahren Haft wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs.

Als Ergebnis der Beratungen gibt der Angeklagte zu Prozessbeginn ein Geständnis ab. Demnach wusste er selbst nicht, was seinen Opfern am Telefon erzählt wurde. Laut Anklage gaben sich die Betrüger als Polizisten oder Gerichtsmitarbeiter aus und behaupteten, Sohn oder Tochter des Angerufenen habe einen Verkehrsunfall gehabt, wobei jemand gestorben sei. Um das Kind vor einem Gefängnisaufenthalt zu bewahren, müsse eine Kaution gezahlt werden, die in bar abgeholt wurde – durch den Angeklagten.

Wachsende Schulden, verlockendes Angebot

Den Ablauf haben Betrügerbanden in den vergangenen Jahren wieder und wieder bei diversen Anwendungen des Enkeltricks, falschen Polizeibeamten und ähnlichen Vorspiegelungen perfektioniert. In diesem Fall war das erste Opfer ein damals 78-Jähriger aus Bad Oeynhausen. Ihn kostete der Betrug im Mai vergangenen Jahres über 40.000 Euro. Am schlimmsten traf es eine 79-jährige Frau aus dem Schwarzwald, die Goldbarren im Wert von über 600.000 Euro übergab. Andere Opfer, alle zwischen 74 und 89 Jahren alt, wohnten etwa in Franken oder dem südlichen Baden-Württemberg.

Der Mann, der ihnen das Geld abgenommen hatte, war zuvor in der Gastronomie und in einem Callcenter tätig. Ein Versuch, sich selbstständig zu machen, scheiterte. Außerdem wuchsen die Schulden des Lippstädters, weil er sein Geld täglich in eine Spielhalle trug. Verlockend schien ihm da das Angebot, das ihm ein flüchtiger Bekannter machte: Wochentags sollte er zwischen 8 und 16 Uhr Kurierfahrten erledigen, am Wochenende wäre frei – Betrug nach Schichtplan sozusagen.

Ein großer Unterschied zu anderen Schockanruf-Fällen: Üblicherweise werden die Abholer im Ausland, meist in Osteuropa, rekrutiert und bringen auch die Beute dorthin. Einheimische Täter sind selten. Noch seltener ist nur, dass sich die Hintermänner vor Gericht verantworten müssen – auch in diesem Fall bleiben sie unbekannt, die Beute verschollen.

Der Angeklagte erhielt am Telefon Anweisungen von einem Komplizen, wohin er zu fahren habe. Bei den Übergaben war er, wie die Opfer, permanent am Telefon, durfte mit den Betrogenen kein Wort reden. Geld und Schmuck transportierte er jedes Mal nach Köln, wo er zwei Kontaktmänner auf einem Parkplatz traf. Sie händigten ihm seinen Anteil aus – als Anfänger drei, später sechs Prozent der Summe.

„Das Geld konnte ich gut gebrauchen“, sagte er. Dass der Job kein legaler war, sei ihm klar geworden, als er das erste Mal die Beute in Köln abgeliefert habe. Richter Lenz nimmt ihm das nicht ab: „Das war doch vorher schon klar!“ Daraufhin musste er eingestehen, dass er von Anbeginn wusste, worum es geht: „Das war ein großer Fehler von mir.“ Sein Anwalt Karsten Possemeyer ergänzte, sein Mandant habe sich damals einiges schöngeredet.

Beamte warteten schon auf den Abholer

Die Masche fand erst ein Ende, als die Bande etwas mehr als einen Monat nach der ersten Tat in Wolfratshausen südlich von München zuschlug. Das Opfer, ein 76-Jähriger, durchschaute den Trick während des Telefonats. Er verständigte die Polizei. Beamte postierten sich an seiner Adresse, warteten auf den Abholer. Viel Geduld brauchten sie nicht. Schon gut eine halbe Stunde nach Beginn des Anrufs war er da – und wurde festgenommen.

Das Urteil soll Ende August fallen, der Prozess kürzer dauern als ursprünglich geplant: Die Geschädigten des Betrugs müssen wegen des Geständnisses nicht mehr als Zeugen nach München geladen werden. Der Lippstädter hat ihnen zumindest eine beschwerliche Reise erspart.