Kreis Lokaljournalismus

Tag des Lokaljournalismus: Was die Redaktion vor Ort bewirkt hat

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Von der Redaktion am 4. Mai 2026, 17:02 Uhr

4. Mai 2026, 17:02 Uhr

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Kreis Soest – Lokaljournalismus ist mehr als nur Berichterstattung – er ist ein Motor für Veränderungen direkt vor unserer Haustür. Unter dem Motto „Gesicht zeigen“ haben wir Geschichten unserer Redakteure gesammelt, die beweisen, wie Redaktionen konkret helfen und positive Entwicklungen in der Gemeinschaft anstoßen können. 

Der fragwürdige Pastor

Von Kristina Rückert

Lippstadt – Eigentlich sollte der ehemalige Leiter des Pastoralen Raums Gütersloh im Oktober 2023 zur seelsorglichen Aushilfe in den Pastoralen Raum Lippstadt versetzt werden. Der damals 65-Jährige hatte nach seiner Verwicklung in einen Finanzskandal das Erzbistum Paderborn um Entlassung aus dem Dienst gebeten. Stattdessen wollte er in seiner Geburtsstadt Lippstadt Aushilfsdienste übernehmen.

Dem Pfarrer wurde vorgeworfen, dass er 122.000 Euro aus dem Gemeindevermögen auf Konten im Ausland überwiesen hatte. Güterlsoher Zeitungen hatten bereits über den Fall berichtet. Nachdem auch der Patriot recherchierte und berichtete, verzichtete das Erzbistum auf seinen Einsatz in Lippstadt. Unterschiedliche Reaktionen und Gespräche hätten dazu geführt, die Situation neu zu bewerten. Der Pastor wurde später per Strafbefehl zu einer Bewährungsstrafe von neun Monaten verurteilt. Er legte Berufung ein – der Prozess fand allerdings nicht mehr statt, weil der Pastor inzwischen erkrankt und verstorben war.

Unser Bericht hat den Einsatz eines Pastors mit fragwürdigen Moralvorstellungen in Lippstadt verhindert. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht allen Lesern unsere Berichterstattung gefallen hat – sie nahmen den Pastor in Schutz.

 

Ein Frauenhaus in Lippstadt

Von Dominik Friedrich

Lippstadt - Ein Thema, das nicht mehr verschwindet. Ein Frauenhaus für Lippstadt. Lange war das nur ein Nebensatz. Einmal von der Evangelischen Frauenhilfe erwähnt bei einer Veranstaltung, dann wieder aus dem Blick geraten. Wir haben das Thema aufgenommen. Und nicht mehr losgelassen. Seitdem berichten wir regelmäßig über die Lücke im Kreis: zu wenige Plätze im bestehenden Frauenhaus in Soest, klare Vorgaben durch die Istanbul-Konvention – und dennoch kein zweiter Standort. Wir haben nachgehakt, Zahlen eingeordnet, Zuständigkeiten offengelegt. Den Kreis Soest als Zuschussgeber benannt. Das Land als Dreh- und Angelpunkt der Finanzierung in die Pflicht genommen. Und immer wieder erklärt, warum es für betroffene Frauen vor Ort konkret zählt. Über Jahre. Mit vielen Fragen. Mit wachsendem Druck. Heute ist Bewegung drin. Mit dem Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) steht ein Träger bereit. Im Hintergrund werden bereits verschiedene Gebäude und Standorte geprüft. Die Finanzierung ist noch offen – aber das Thema ist auf der politischen Agenda angekommen. Kurz gesagt: Es bewegt sich was - auch, weil wir drangeblieben sind.

 

Stolpersteine in Geseke

Von Ulrike Dietz

Geseke - Die Geschichte der Geseker Juden ist grundsätzlich sehr gut aufgearbeitet – einem Arbeitskreis des Vereins für Heimatkunde sei Dank. Was jedoch die Erinnerungskultur in Form von Stolpersteinen anging, war die Ratsmehrheit lange zögerlich. Statt die Namen der NS-Opfer im Boden zu versenken, hätte zum Beispiel die CDU lieber Infotafeln mit QR-Codes gesehen. Das Thema drehte fortan gleich mehrere Runden durch die politischen Sitzungen – über Jahre hinweg begleitet von unserer Zeitung, und zwar auch mit kritischen Kommentaren pro Stolpersteine. Schließlich lenkten auch die Gegner ein: Im Februar 2024 verlegte Stolperstein-Erfinder Gunter Demnig die ersten Zeichen der Erinnerungskultur für die Familie Steinberg in der Bachstraße.

 

Die Rettung des Museumspalais

Von Christoph Motog

Lippstadt – Es war das große Streitthema der vergangen Jahre: Bekommt das im Palais Rose ansässige Stadtmuseum einen Anbau oder nicht? Dass sich die Frage überhaupt stellte, war vor 70 Jahren unabsehbar, stand das Gebäude doch seinerzeit vor dem Abriss. Dass es am Ende nicht fiel, ist engagierten Heimatfreunden zu verdanken, aber auch der Berichterstattung unserer Zeitung, die das Thema in den Fokus rückte. Begonnen hatte das Hickhack 1956, als das Museum „aus baupolizeilichen Gründen“ geschlossen wurde. Für den Bauausschuss kam nur ein Abriss in Frage. „Man könnte weinen, wenn man so etwas hört“, kommentierte Zeitungsverleger Carl Laumanns die Angelegenheit. Die Patriot-Redaktion blieb über Jahre am Thema dran und fragte wiederholt bei Denkmalexperten nach. Nach dem Lemgoer Hexenbürgermeisterhaus sei das Lippstädter Palais mit seinen kostbaren Stuckdecken „das künstlerisch wertvollste Bürgerhaus in Westfalen überhaupt“, bezog etwa Landesmuseumsdirektor Hans Eichler Position. So wurde in der Öffentlichkeit allmählich ein Bewusstsein für den baugeschichtlichen Wert geweckt. Indes stimmte der Stadtrat im Februar 1958 gegen das Bereitstellen von Geld zur Sanierung. Als Reaktion gründete sich ein „Verein der Förderer des Kreisheimatmuseums“. Kurz darauf gab der Kreistag grünes Licht, und die Renovierung konnte beginnen. 1963 wurde das Museum wiedereröffnet. 

 

Dirtpark

Von Thomas Wiegand

Lippstadt - Philipp Stijohann ist ein begeisterter Mountainbiker, der mit seinem Rad auch gerne durch den Dirtpark am Jahnplatz in Lippstadt rauscht. Die 2015 entstandene Anlage war allerdings in die Jahre gekommen und mittlerweile alles andere als ein Schmuckstück. Das wollte der Schüler des Gymnasiums Schloß Overhagen aber nicht einfach auf sich beruhen lassen. Er wagte im September 2025 einen mutigen Vorstoß bei der Stadt und informierte über sein Anliegen, die Anlage wieder auf Vordermann zu bringen, auch die Patriot-Sportredaktion. Die setzte sich zusammen mit Philipp Stijohann und Marius Hiedels von der Koordinierungsstelle Sport an einen Tisch und bei einer gemeinsamen Besichtigung der Strecke wurde schnell klar, an welchen Stellen der Dirtpark dringend aufpoliert werden muss. Und Marius Hiedels reagierte schnell. In den Herbstferien wurde die Anlage saniert und seither ist wieder Action im Dirtpark angesagt. Zwar fallen immer wieder kleine Reparaturen an, die würden die Dirtpark-Freunde aber in Eigenregie erledigen. Marius Hiedels: „Die Anlage wird von den Jungs jetzt jedenfalls wieder intensiv genutzt. Und dass damals die Sportredaktion über die Situation am Dirtpark berichtete, hat der Sache sicherlich nicht geschadet.“

 

Zweifelhafte Heilsversprechen

Von Dagmar Meschede

Lippstadt - Es ist natürlich der Traum eines jeden Journalisten, wenn die Texte, die er geschrieben hat, etwas bewirken. Ein Ereignis, das besonders nachhallte, war 2019 mein Bericht über den Bruno-Gröning-Freundeskreis. Zuvor schon hatte die Kulturredaktion über den fragwürdigen Verein in einem anderen Zusammenhang berichtet. Nun aber plante der besagte Freundeskreis die umstrittene „Wunderheiler“-Dokumentation „Das Phänomen der Heilung“ bei der Awo in Lippstadt zu zeigen. Das Brisante an dem Verein war und ist, dass der Bruno-Gröning-Freundeskreis sektenähnliche Strukturen aufweist und die zweifelhafte Hoffnung vermittelt, dass Menschen gesund werden, wenn sie ein Gott gewolltes Leben führen. Tatsächlich gefährdet der Verein mit seinen fragwürdigen Versprechen die Gesundheit kranker Menschen, wenn diese sich medizinischer Hilfe verweigern und der „Lehre“ des Vereins Glauben schenken. Laut Sekten-Info NRW sind in der Vergangenheit deswegen einige Leute gestorben. Dies aufzudecken und darüber im Lokalteil der Zeitung zu berichten, war wichtig. Nicht nur Leserbriefe von betroffenen Familien erreichten die Redaktion dazu, sondern letztlich musste die Awo die Veranstaltung wegen der kritischen Berichterstattung absagen.

 

„Wir schaffen’s 42“ und das große Abenteuer von New York

Von Frank Lütkehaus

Lippstadt - In der Euphorie neigt selbst ein Sportredakteur schon mal zur leichten Übertreibung: Ja, es war im November 2006 wirklich so, für eine paar Tage wurde New York City quasi eingemeindet im Altkreis Lippstadt. Die Super-Metropole, die über 6000 Kilometer entfernte Stadt, die niemals schläft, stand plötzlich im Zentrum des heimatlichen, sportlichen Interesses.

Ob in Lippstadt, Geseke, Erwitte, Anröchte oder Rüthen. Weil knapp 70 Läufer aus dieser Region am 5. November 2006 am weltberühmten New-York-Marathon teilnahmen – und der Patriot live dabei war. Atemberaubend! Erinnern Sie sich noch? Weit vor Angelka Merkels Aussage: „Wir schaffen’s 42“. So hieß die ambitionierte Gruppe.

Eine wahnsinnige Geschichte: 15 Monate hatten die heimischen Teilnehmer, darunter zwölf absolute Anfänger, unter der Anleitung von Barthel Schumacher hart trainiert, um die 42 Kilometer am Big Apple durch spektakuläre Straßenschluchten, vorbei an gigantischen Wolkenkratzern, überhaupt bewältigen zu können. Bis sie schließlich überglücklich im Pulk von 40 000 Läufern das Ziel im Central Park erreichten.

Juhu. Was für eine außergewöhnliche Leistung! Die Redaktion war auf Schritt und Tritt dabei und sorgte dafür, dass die Familien, Verwandten und Freunde zu Hause kräftig mitfiebern konnten. Der US-Korrespondent vom Patriot, der unzählige neue Marathon-Fans zwischen Bibertal und Grünem Winkel im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Laufenden hielt. Für wenige Stunden war Brooklyn ganz nah an Bökenförde.

 

Ein Lehrschwimmbecken für alle Bürger

Von Ulrike Dietz

Erwitte - Drei Millionen Euro hat die Stadt Erwitte in die Sanierung des Lehrschwimmbeckens in Bad Westernkotten gesteckt. Davon sollte auch der sprichwörtliche Otto Normalverbraucher etwas haben. Dieser Meinung war zumindest Erich Roß. Mit seinem Anliegen – sprich öffentlichen Badezeiten – sprach er seinerzeit in der Bürgerfragestunde der Ratssitzung vor. Unsere Redaktion nahm den Ball auf und berichtete – gleich mehrfach. Denn zunächst waren die Stadtverwaltung und auch Teile der Politik nicht komplett begeistert von der Idee, auch aus durchaus nachvollziehbaren Gründen wie etwa der Frage des Personals. Gut zwei Jahre später hat sich aber nun doch eine Lösung gefunden: Zunächst liefen die öffentlichen Badezeiten zwar etwas schleppend an. Beim vorletzten Termin nahmen aber immerhin 49 Bürger das Angebot an, berichtete uns Erich Roß. „Mit eurer positiven Berichterstattung habt ihr zu diesem tollen Ergebnis wesentlich beigetragen“, schreibt er in einer E-Mail an die Redaktion.

 

Der Nazi im Ratssaal

Von Daniel Kossack

Geseke - Wie selbstverständlich hing ein Portrait des Geseker Bürgermeisters Erich Reckhardt jahrzehntelang im Sitzungssaal des Alten Rathauses – zwischen den demokratisch gewählten Stadtoberhäuptern. Doch Reckhardt hob sich ab von seinen Amtskollegen: Denn er wurde von Nazis eingesetzt und war selbst ein bekennender Nationalsozialist, der nach eigener Aussage Juden verachtete und dafür sorgte, dass Mitglieder von KPD und SPD ins KZ kamen. Erst, als unsere Zeitung seine Entnazifizierungsakte analysierte und dabei bekannt machte, was er für ein Mensch war, wurde sein Portrait und der Umgang mit ihm auch zum Politikum. Denn zwischen die Demokraten in einen demokratischen Ratssaal, da gehörte er so nicht hin. Nach langer Diskussion einigte sich der Rat darauf, dass der Nazi hängen bleibt – sein Bildnis aber deutlich kleiner und mit einem einordnenden Text versehen wird. Das verändert nicht die Welt, angesichts von Tendenzen, die die Relativierung des Nationalsozialismus immer salonfähiger machen, war diese Diskussion für die Erinnerungskultur aber dennoch bedeutend.

 

Tag des Lokaljournalismus: Warum und wie sich der Patriot am Aktionstag beteiligt

Umfrage: Warum diese „Lokalhelden“ Journalismus vor Ort wichtig finden