Lippstadt Patriot-Aktion

Was Lippstadt bewegt: Zwischen Lieblingsstadt und Leerstandsfrust

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16. September 2026, 17:43 Uhr

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Lippstadt – Lust auf Kaffee und ein Gespräch mit dem Patriot? „Kein Bock“, antwortet ein Mann und eilt davon. Zum Glück bleibt das an diesem Mittwochvormittag auf dem Marktplatz die absolute Ausnahme.

Drei Stunden, drei Stehtische, vier Redakteure – und jede Menge Gesprächsstoff: über eine Innenstadt, der die Vielfalt verloren geht, gefährliche Stellen für Radfahrer, fehlende Bänke, Barrieren für Senioren, Klimaschutz, das Stadtmuseum und darüber, was der Patriot besser machen kann. Im Rahmen der Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ diskutierten zahlreiche Lippstädter mit den Patriot-Redakteuren Ursula Vielberg, Kristina Rückert, Hannah Wapelhorst und Dominik Friedrich. Sie lobten, kritisierten, widersprachen – und gaben uns einiges zu recherchieren mit auf den Weg.

Das Thema des Tages

Was wird aus der Innenstadt? So häufig wie kein anderes Thema landet die Entwicklung der City auf unseren Stehtischen. „Mich beschäftigt der Rückgang der inhabergeführten Geschäfte“, sagt Dr. Bernd Lewen. Bekannte seien früher 70 Kilometer zum Einkaufen nach Lippstadt gefahren. Heute hörten sie: „Ihr habt ja inzwischen auch nur noch Filialketten.“ Sein Wunsch: „Mehr als zwei Dönerläden und drei Eisdielen brauchen wir in der Innenstadt nicht.“ Johanna Thiemeyer sieht auch den Handel selbst gefordert. Die Einzelhändler müssten stärker erkennen, dass sie gegenüber dem Onlinehandel mit guter Beratung einen echten Mehrwert bieten könnten. Außerdem sollten mehr Geschäfte Click & Collect anbieten. Kirsten Petermeyer vermisst Sitzmöglichkeiten in der Langen Straße und bedauert die Leerstände in den Nebenstraßen. Maria Thiemeyer kritisiert, „dass auf dem Markt immer weniger Händler ihre Stände aufbauen“ – mittwochs wie samstags.

Die Top 3

Sicherer Radfahren: Rudolf Jünnemann fühlt sich auf dem Fahrrad an einigen Stellen in der City nicht wohl. Besonders die Cappelstraße und die Einbahnstraßen als Querverbindungen zur Woldemei empfindet er als gefährlich. Brunhilde Förderer, die lange in Münster gelebt hat, urteilt drastisch: „Im Vergleich dazu steckt Lippstadt beim Radverkehr an manchen Stellen noch im Mittelalter.“ Barbara Grün und Benjamin Boll wiederum bemängeln den aus ihrer Sicht nahezu unbefahrbaren Radweg an der Ostlandstraße in Lipperbruch. Besonders problematisch: Es handelt sich auch um einen Schulweg.

Eine Stadt zum Ankommen und Verweilen: Peter Meyer, 86 und stets zu Fuß in der Stadt unterwegs, wünscht sich nicht nur mehr Rücksichtnahme unter Verkehrsteilnehmern, sondern vor allem auch einen grüneren Marktplatz mit schönen Bänken, Wochenmarkt und weniger Parkplätzen. Elke Lumpe empfindet das Pflaster auf dem Rathausplatz mit ihrem Rollator als „eine einzige Stolperfalle“. Sie schlägt eine asphaltierte Spur vor, auf der Menschen mit Rollator sicher über den Platz kommen. Auch im Grünen Winkel werden zusätzliche Bänke gewünscht.

Mehr für Jung und Alt: Marion Sandfort stört der Satz: „Die Alten haben keine Lobby.“ „Nein, bei uns haben Kinder und Jugendliche oft keine Lobby“, hält die Seniorin dagegen. Sie schlägt eine Jugenddisko, Kino-Events oder einen eigenen Aktionstag vor, an dem der Patriot mal nur die Bedürfnisse der Jugend aufgreift. Kathrin Dierse vermisst Angebote für Kleinkinder. Ute Leweling wiederum will in Eickelborn ein Seniorencafé als Treffpunkt gegen Einsamkeit etablieren.

Der Aufreger

Werner Hangebrock spricht verärgert ein ganz unbequemes Thema an. Empfänger von Sozialhilfe oder Asylbewerberleistungen bekommen in Deutschland seiner Meinung nach „viel Geld für wenig Gegenleistung“. Wer staatliche Unterstützung erhalte und arbeiten könne, sollte laut Hangebrock auch etwas für die Gesellschaft leisten – beispielsweise zwei oder drei Stunden bei der Pflege öffentlicher Anlagen helfen.

Eigentlich auch ein Aufreger: Josef Dahl kritisiert die starke Versiegelung und Verdichtung an der Rixbecker Straße. Auf dem ehemaligen Gelände des Schuhlagers Zahn seien 36 neue Wohnungen entstanden. Direkt nebenan liegen die großen Wohnkomplexe der Bau- und Wohnungsgenossenschaft (BWG). In der Enge und dem fehlenden Grün sieht Dahl einen Widerspruch zu den Klima-, Umwelt- und Hitzeschutzzielen der Stadt. „Hier müssten die Bauvorgaben doch entsprechend angepasst werden“, findet er.

Der Satz des Tages

„Wenn Leerstände besetzt werden, dann nur noch durch Döner-, Barber-, Handyläden und den ganzen Kram.“ Johanna Thiemeyer bringt ziemlich zugespitzt auf den Punkt, was an diesem Vormittag mehrere Gesprächspartner beschäftigt: die Sorge um die Vielfalt der Lippstädter Innenstadt.

Der Moment des Tages

Nicolo Vizzini ist 72, gebürtiger Sizilianer und lebt seit 1972 in Lippstadt. Er liebt die Stadt, fühlt sich hier pudelwohl, wie er sagt. Und dann wird aus dem Gespräch über Lippstadt plötzlich eines über die Welt. Seine große Sorge: Statt Freude und Frieden bestimmten zunehmend Geld und Krieg das Geschehen. Ein nachdenklicher Moment mitten im Trubel des Wochenmarktes.

Vorwurf des Tages

Anke Victor vom Klimanetzwerk nimmt ausdrücklich den Patriot in die Pflicht. Ihre Kritik: Wir berichten zu wenig über Klimaschutz. Konkret wirft sie uns vor, jüngst eine Abstimmung im Stadtentwicklungsausschuss zum European Energy Award nicht aufgegriffen zu haben: „Da ist der Patriot nicht seiner Berichtspflicht nachgekommen.“ Auch wenn wir das mit der Pflicht etwas anders sehen, ist das eine Kritik, die wir mitnehmen. Der Verweis auf zahlreiche hintergründige lokale Hitzeschutz- und Klimaschutz-Serien in den vergangenen Jahren glättete zudem die Wogen. Mit Blick auf die beschlossene Klimaneutralität der gesamten Stadt bis 2040 sorgt sich Victor übrigens um den künftigen politischen Kurs und die aktuelle Stimmungslage im Stadtrat. 

Eine Stadt im Zwiespalt

„Ich möchte nur mal loswerden, dass ich alles in Ordnung finde in Lippstadt“, sagt Sigrid Trojan. Wolfgang Schröter nennt Lippstadt eine „tolle Stadt“. Kirsten Petermeyer findet „unsere Stadt ganz schön“. Und auch viele andere Gespräche zeigen: Die Lippstädter leben gerne hier. Gleichzeitig geht es um Leerstände, Klimaschutz und Probleme im ÖPNV, politische Entfremdung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Elisabeth Kriener aus Lipperode ärgert sich über permanentes Jammern, sieht aber auch eine wachsende Ferne der Politik in Berlin. Beim Streit um die Schützenhalle in ihrem Ort sagt sie: „Der gesunde Menschenverstand sagt mir: Das hätte man anders regeln können.“ Und formuliert einen Satz, der weit über diesen Streit hinausreicht: „Reden hilft, vor allem miteinander.“ Mitgenommen haben wir noch einiges mehr: unterschiedliche Meinungen zur Zukunft des Thermalbads in Bad Waldliesborn, Drogenhandel und -konsum im Grünen Winkel, viel Gegenwind für einen Museumsanbau und den Wunsch nach mehr positiven Geschichten über Menschen, die etwas bewegen.

Die nächste Station

An diesem Donnerstag ist unsere mobile Redaktion in Erwitte. Von 10 bis 13 Uhr stehen Ulrike Dietz, Axel Schwade und Bastian Puls am Aldi- und Edeka-Markt am Wemberweg. Am Freitag endet die Aktionswoche am Buschkühle-Markt in Geseke.