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Kitz - die Patriot Kinderseite: Wege aus dem Trauma

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Von der Redaktion am 21. März 2026, 08:00 Uhr

21. März 2026, 08:00 Uhr

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Lippstadt – Manchmal passiert etwas so Schlimmes, dass es sich anfühlt, als ob die Zeit stehen bleibt. Etwas, das sich tief in uns einbrennt und uns nicht mehr loslässt. Traumatische Erlebnisse bringen unseren Körper und unsere Seele in einen Ausnahmezustand. Warum diese Reaktion trotzdem normal ist und wie wir damit umgehen können, damit uns das Erlebte nicht mehr so sehr belastet, das erzählt Psychotherapeutin Melanie Gräßer im Interview.

Was kann traumatisch sein?

„Ganz allgemein gesagt ein Ereignis, bei dem das Leben in Gefahr ist. Das kann das eigene Leben sein oder das Leben eines anderen. Dazu gehören zum Beispiel Naturkatastrophen, Gewalt oder Unfälle. Zum Beispiel der tragische Unfall in der vergangenen Woche in Lippstadt, bei dem ein 25-jähriger Radfahrer gestorben ist. Bei Kindern reicht es übrigens manchmal schon, wenn sie von einem traumatischen Ereignis nur hören. Sie müssen es nicht selbst erleben, allein die Geschichte kann ein Trauma auslösen.“

Wie fühlt sich ein Trauma an?

„Der Körper reagiert mit Stress, alle Alarmglocken gehen an. Das kann sich ganz unterschiedlich äußern zum Beispiel durch Zittern, Schwitzen oder Benommenheit. Auf diese Weise versuchen wir, das Erlebte zu verarbeiten. Diese akute Reaktion kann ein paar Stunden anhalten oder auch einige wenige Tage. All das sind ganz normale Reaktionen auf ein unnormales Ereignis.“

Was passiert im Gehirn?

„Wenn etwas Schlimmes passiert, werden im Gehirn ganz viele Einzelheiten durcheinander gespeichert. Das sind verschiedene Sinneseindrücke wie zum Beispiel ein lauter Knall beim Unfall, das Tatütata vom Rettungswagen oder auch der saure Geschmack von dem Bonbon, das man gerade gelutscht hat, als es passierte. All diese Erinnerungen können später triggern. Wenn uns etwas triggert, bedeutet das, wenn man wieder einen Bonbon im Mund hat oder eine Sirene hört, fühlt man sich in die schlimme Situation zurückversetzt und der Körper reagiert wieder mit Stress, obwohl gerade gar nichts Schlimmes passiert.“

Was kann man dann dagegen tun?

„Es ist wichtig, sich wieder ins Hier und Jetzt zu holen. Denn was unser Gehirn nicht speichert, ist, dass das schlimme Ereignis vorbei ist. Dabei können Skills helfen. Mit starken Sinneseindrücken wie zum Beispiel einem flitschenden Gummiband, einem Igelball oder einem scharfen Kaugummi kann man sich dann ins Hier und Jetzt holen.“

Kann man ein Trauma bewältigen?

„Wir sind in der Regel sehr robust und können eine ganze Menge verpacken. Aber wenn diese Anzeichen nach einigen Tagen nicht weggehen, braucht man professionelle Hilfe.“

Was ist wichtig im Umgang mit einem traumatisierten Kind?

„Eltern sollten kindgerecht vermitteln. Besonders wichtig ist Zuhören und nicht bewerten. Auch körperliche Nähe ist wichtig. Alltägliche Rituale geben Sicherheit. Tagsüber ist man meist abgelenkt, darum kommen solche Erinnerungen oft abends hoch. Dann ist es wichtig, die Eindrücke gut wegzupacken. Man kann zum Beispiel ein Bild malen, das für die Belastung stehen soll. Das wird dann gut weggepackt. Entweder man stellt sich vor, wie man die Belastung in einen schweren Tresor schließt oder man steckt das Bild ins Gefrierfach. Man kann die Belastungen auch aus dem Körper ausklopfen oder ausstreichen. Im Bett kann man es sich dann mit dem Kuscheltier gemütlich machen und sich einen schönen sicheren Ort vorstellen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“

Das Interview führte Julika Enders.

Wunde auf der Seele

Das Wort Trauma stammt aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie Wunde oder Verletzung. In der Mehrzahl spricht man von Traumata. In der Medizin umfassen Traumata seelische oder körperliche Verletzungen, die durch Unfälle oder Gewalteinwirkung verursacht werden.

Wenn das Trauma nicht mehr weggeht

Das Posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS) beschreibt den Zustand, wenn die Stressreaktionen nach (post) dem traumatischen Erlebnis nicht besser werden. Melanie Gräßer beschreibt folgende Punkte eines PTBS: 1) Wiedererleben: einzelne Bilder des Ereignisses oder ein ganzer Film vor Augen, Albträume; 2) Vermeidung: zum Beispiel nicht mehr an der Kreuzung entlanggehen, wo der Unfall passiert ist; 3) negative Veränderung der Stimmung und des Denkens; 4) körperliche Übererregung wie Schreckhaftigkeit oder unerklärliche Kopf- oder Bauchschmerzen.

Hilfreiche Übung: Dein sicherer Ort

Stell dir einen Ort vor, an dem du dich ganz sicher, wohl und geborgen fühlst. Das kann ein Ort sein, den du schon kennst oder ein Fantasieort, den du dir ausdenkst oder eine Mischung aus beidem. Überlege, was du dort hören, sehen, riechen, schmecken und/oder fühlen kannst. Du kannst deinen sicheren Wohlfühlort so gestalten, wie es dir gefällt. Schau, ob du etwas mit dorthin nehmen möchtest, vielleicht ein Kuscheltier, eine Decke oder ein Kissen. Wenn sich alles richtig gut anfühlt, dann geh so oft du magst dorthin, vielleicht abends vor dem Einschlafen. Je öfter du deinen sicheren Ort besuchst, desto schneller findest du ihn – und desto ruhiger, stärker und sicherer fühlst du dich dort.