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Zwischen Frust und Stolz: So blicken Anröchter bei Patriot-Aktion auf ihre Gemeinde

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Von: Dagmar Meschede, Dominik Friedrich und Bastian Puls am 15. September 2026, 17:27 Uhr

15. September 2026, 17:27 Uhr

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Anröchte – Nanu, was ist denn da los? Ein paar Leute werfen erstaunte Blicke auf das Reisemobil, das vor dem Rewe-Markt parkt. Doch schnell taut das Eis. Und nach der anfänglichen Scheu suchen die Anröchter mit den Patriot-Redakteuren das Gespräch.

Themen wie Fahrradwege, fehlende gastronomische Angebote, Förderprojekte, aber auch der Bretterhaufen vom widerrechtlich abgerissenen denkmalgeschützten Haus bewegen sie. Daneben sind der Einzelhandel und das Bürgerhaus die Bereiche, die die Anröchter beschäftigen. Im Rahmen der Aktionswoche „Demokratie braucht viele Stimmen“ hatte die Redaktion zum Gespräch eingeladen. Die Schreibblöcke von Dominik Friedrich, Dagmar Meschede und Bastian Puls füllen sich beim Vor-Ort-Termin jedenfalls schnell. 

Das Thema des Tages

Immer wieder kommen die Besucher auf ihren Wunsch nach einem größeren gastronomischen Angebot und einem fehlenden Café zu sprechen. Eine Anröchterin, die ihren Namen der Zeitung gegenüber nicht nennen möchte, wünscht sich beispielsweise „was Schönes, wo man sich auch mal abends gemütlich nach draußen setzen kann“. Das an der Hauptstraße gelegene Eiscafé schließe nämlich bereits um 19.30 Uhr – „viel zu früh“, findet sie. Und an alternativen Ausgehmöglichkeiten fehle es. „Die jungen Leute fahren ja woanders hin, aber wir Älteren fahren nicht weg, und uns fehlt was“, gibt sie zu bedenken. Mit dieser Meinung steht sie übrigens nicht allein da. Die Haargemeinde habe lediglich ein „spärliches gastronomisches Angebot“, findet ebenfalls Barbara Schäfer. Immerhin wird sich in Anröchte bald auch wieder gastronomisch etwas tun. Für das geschlossene Estia ist bereits ein neuer Betreiber in Sicht. Die Redaktion steht mit dem Eigentümer in Kontakt und wird bald darüber berichten.

Die Top 3

Einzelhandel: Nach wie vor fehlt vielen Anröchtern der Edeka-Markt der Familie Halberschmidt, der vor einigen Jahren altersbedingt aufgegeben wurde. Die Grundversorgung in Anröchte sei zwar gut. Allerdings fehle „ein breiteres Angebot und mehr Vielfalt im Einzelhandel“, sagt etwa Rudi Fischer. Seit Aldi, Combi und Edeka verschwunden seien, wandere Kaufkraft ins benachbarte Erwitte ab. Große Sorgen macht ihm die Verschuldung der Gemeinde. Er befürchtet ein Abrutschen ins Haushaltssicherungskonzept. Er kritisiert, dass in den vergangenen Jahren viel Geld gebunden worden sei. Als Beispiel nannte er den Bau des Feuerwehrgerätehauses im Ortsteil Berge.

Fördermittel: Franz Maas äußert sich ironisch zum geplanten Bildungscampus: „Den braucht so ein Dorf wie Anröchte unbedingt.“ Er sieht im Umgang mit Fördertöpfen ein strukturelles Problem. Aus seiner Sicht läuft es so, dass zuerst geschaut wird, wo Fördermittel zur Verfügung stehen, und dann ein entsprechendes Projekt initiiert wird. Seiner Meinung nach müsste es umgekehrt sein: Zuerst sollte geklärt werden, was tatsächlich gebraucht wird, und anschließend geschaut werden, ob dafür Fördermittel zur Verfügung stehen. Barbara Schäfer kritisiert ebenfalls den Umgang mit Fördermitteln. Sobald sich ein Fördertopf auftue, werde etwas angeschafft oder ein Projekt angegangen. Als Beispiele nennt sie die orangenen Pflanztöpfe oder den geplanten Mikro-Dschungel. Ihr Tenor: Man sollte vorher überlegen, was man wirklich braucht. Positiv findet sie die Bemühungen von Verwaltung und Politik, das Waldfreibad langfristig zu erhalten. Auch die Sanierung des Bürgerhauses sei wichtig und richtig.

Fahrradwege: Einen Fahrradweg von Uelde nach Effeln wünscht sich der Uelder Josef Schrewer. Mit diesem Wunsch steht er nicht allein da. Immer wieder kommen Anröchter mit diesem speziellen Wunsch an den Stand unserer Redaktion vor dem Rewe-Markt, so unter anderem Michael Kaiser. Er wünscht sich einen Radweg in Richtung Uelder Bahnhof. Den Rückbau der Hauptstraße und den dort geplanten Fahrradstreifen begrüßt hingegen Norbert Köhne. Indes kritisiert Ronald Schneider, pensionierter Polizeibeamter aus Rüthen, den Zustand der Straßen und die darunter leidende Verkehrssicherheit im Raum Anröchte-Rüthen. Als extremes Beispiel nennt er die Effelner Straße in Anröchte, die so schlecht sei, dass er dort nicht mehr mit dem Fahrrad fahren könne.

Der Satz des Tages

„Man kann sich streiten, man kann anderer Meinung sein, aber man kann hier gemeinsam Lösungen finden. Dann bräuchten wir die AfD gar nicht.“ Die Anröchterin Ulrike Ambrosy bringt damit ihren Wunsch nach einem mehr offenen und ehrlichen Diskurs auf kommunalpolitischer Ebene sowie im zwischenmenschlichen Bereich auf den Punkt. Sorge bereitet ihr nämlich, dass die AfD auch in Anröchte zunehmend Akzeptanz findet und gesellschaftsfähig werden könnte. Kürzlich habe sie von einer Mitbürgerin folgenden Satz gehört, der für sie ein Alarmzeichen gewesen sei: „Hier passiert doch nichts, das nächste Mal wähle ich AfD.“

Der Aufreger

Nach wie vor ist es der Bretterhaufen des widerrechtlich abgerissenen denkmalgeschützten Hauses, das die Anröchter bewegt. Ulrike Ambrosy aus der Kerngemeinde sieht in dem mittlerweile zum Wahrzeichen Anröchtes mutierten Holzhaufen „ein Synonym für die Politikverdrossenheit“ der Bürger. Mit normalem Menschenverstand, so ihr Bild, würde man einfach eine Schubkarre oder einen Bagger nehmen und den Haufen wegfahren. Man sehe mit bloßem Auge und jeder wisse, dass man dieses Haus so nie wieder aufbauen könne. Und trotzdem müsse dieser unhaltbare Zustand nun so hingenommen werden. Für Norbert Köhne wäre es hingegen eine „gerechte Strafe, wenn der Eigentümer das denkmalgeschützte Haus wieder originalgetreu aufbauen müsste“. Eine weitere Leserin verwies auf fehlende Klimaanlagen im Gemeindekindergarten.

Der Moment des Tages

Anne Zeider bekommt leuchtende Augen, wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit im Seniorenheim Haus St. Elisabeth berichtet. Die Rentnerin unterstützt die Heimbewohner unter anderem beim Frühstück oder liest aus der Zeitung vor. „Da geht mir das Herz auf“, berichtet sie strahlend. Aus dieser Erfahrung heraus kennt sie aber auch die Probleme der Pflegebranche: Wie viele andere Einrichtungen in ganz Deutschland klage auch das Haus Elisabeth über Personalmangel. Pflegekräfte werden händeringend gesucht, betont sie. Prompt folgte auch eine Einladung an die Patriot-Redaktion, sich selbst ein Bild von der Einrichtung und der unermüdlichen Arbeit des Teams zu machen.

Lebenswerter Ort

Immer wieder bekommt die Redaktion zu hören, dass Anröchte ein lebenswerter, schöner Ort sei. Viele stellen das lebendige Vereinsleben und Ehrenamt heraus. Ulrike Ambrosy lobt unter anderem die Natur, das Kulturangebot, Freibad, Einkaufsmöglichkeiten, Schulen und Ärzte. Ihr Fazit: „Anröchte ist mehr als lebenswert.“

Jakup Bakir indes beschreibt, dass sich seit Corona gesellschaftliche Gräben vertieft hätten und er persönlich in dieser Zeit Vertrauen in die Medien verloren habe. Anröchte selbst beurteilt er deutlich positiver: „In Anröchte läuft es wie geschmiert“, sagt der Familienvater mit Blick auf Schulen und Kitas. Er wünscht sich allerdings mehr angeleitete Angebote für Kinder und Jugendliche außerhalb der Betreuungs- und Schulzeiten. Auch Fußballtrainer Jose Paiva schlägt in diese Kerbe: Die heimischen Vereine würden einen erheblichen Beitrag zur Integration leisten. Außerhalb der Sportplätze gebe es allerdings kaum Räumlichkeiten, um dies weiter zu vertiefen.

Überdies klingt bei den Bewohnern der Haargemeinde immer wieder auch eine Unzufriedenheit mit der Verwaltung und der Politik mit hinsichtlich einiger Großprojekte wie zum Beispiel der Sanierung des Bürgerhauses oder der grell orangefarbenen Blumenkübel („Streucontainer“) mit. 

Nächste Station

An diesem Mittwoch steht das Wohnmobil mit den Patriot-Redakteuren Ursula Vielberg, Kristina Rückert und Dominik Friedrich von 10 bis 13 Uhr auf dem Wochenmarkt in Lippstadt.